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Wie sich die Freizeit von Traktoren beschneiden lässt

Eine Klinik in Naunhof bei Leipzig wird Ende 2006 der kommerzielle Erstanwender einer Technologie sein, an deren Entwicklung und Vervollkommnung die Cottbuser Firma En-O-Trak seit mehreren Jahren intensiv gearbeitet hat. Ein Traktor, der Landschaftspflegearbeiten im Umfeld der Klinik erledigt, dient der medizinischen Einrichtung dann auch als Lieferant von Wärme und Strom. Von Rolf Bartonek

Ein normales Jahr zählt 8760 Stunden. Durchschnittlich 7960 davon hat ein Traktor Freizeit. Er steht dann ungenutzt herum, weil gerade keine Feldarbeiten anfallen, nichts zu transportieren ist oder sein Besitzer nachts schläft. Dabei kostet er etwa 80 000 Euro. Darf so viel Geld so viel Freizeit haben? Kein Banker oder Fabrikant würde dies bejahen. Nur Landwirte glauben, dass es nicht anders geht.
Aber das ist mittlerweile ein Irrglaube. Die im Herbst 2000 gegründete Cottbuser Firma En-O-Trak hat in den vergangenen Jahren dafür mit Partnern sowohl technische Probleme gelöst als auch Hindernisse in puncto Finanzierung und Gewährleistung aus dem Weg geräumt. Um einem Traktor zu einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung als Blockheizkraftwerk zu verhelfen, müssen zunächst noch einmal 53 000 Euro plus Mehrwertsteuer investiert werden, berichtet Prof. Dr. Wolfgang Schluchter vom Lehrstuhl Sozialwissenschaftliche Umweltfragen der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus. Er ist zusammen mit dem Mannheimer Rainer Wietstock Gründer und Gesellschafter des Unternehmens. Wietstock hat als Gesamtbetriebsratsvorsitzender des Landmaschinenbauers John Deere AG eine enge Bindung zur Agrartechnik.
Schon in der Vergangenheit seien Traktoren des Öfteren zur Stromerzeugung verwendet worden, sagt Schluchter. Es habe sich aber um Insellösungen gehandelt. Neu bei En-O-Trak seien zwei Dinge: Erstens werde der erzeugte Strom ins Netz eingespeist, wofür es eine Vergütung von 19,5 Cent je Kilowattstunde (kWh) gebe. Zweitens mache die gleichzeitige Nutzung der anfallenden Motorwärme den Traktor zum Blockheizkraftwerk und damit wirtschaftlich wirklich interessant. Für die Komplettlösung besitzt das Unternehmen Gebrauchsmusterschutz. Eine Testanlage arbeitet auf dem Cottbuser BTU-Campus seit drei Jahren mit Pflanzenöl. Sie liefert Strom und außerdem Wärme für ein Universitätsgebäude. Die Uni erhält die thermische Leistung für preiswerte 5,6 Cent je kWh. Die addieren sich für En-O-Trak zu den Entgelten für die Stromeinspeisung. In Großpankow nördlich von Berlin wurde in einem Agrarbetrieb lange Zeit eine Anlage getestet, deren Traktor Biogas verwertete. Hier ging es nicht weiter. Schluchter erzählt, der Betrieb habe seine gesamte Wärmeversorgung in die Hände eines Contracters gelegt, der über eigene Wärmequellen verfügt.

Traktor mit Holzvergaser
Die Anlage in Naunhof ist wieder eine Neuheit. Ihr Traktor wird über einen Holzvergaser verfügen, das macht den Betrieb noch günstiger. En-O-Trak arbeitet hierbei mit dem Fraunhofer Institut für Umwelt, Sicherheit und Energie in Oberhausen (Ruhrgebiet) zusammen. Als Hersteller wurde der Maschinenbaubetrieb Lehmann in Jocketa bei Plauen gewonnen.
Zur Produktion von Strom und Wärme fährt der Traktor in einen geräuschisolierten Container. Hier wird er verbunden mit einem Generator, Wärmetauscher machen Motor- und Abgashitze nutzbar. Elektronische Steuerungssysteme sorgen für eine extrem gleichmäßige Motordrehzahl sowie für die Maschinenkühlung unter den Bedingungen eines abgeschlossenen Containers. Hinzu kommen Tank, Pumpe. Schalldämpfer und Flammschutz. Ein Problem für interessierte Landwirte bestand bisher darin, dass die Hersteller von ihrer Gewährleistungspflicht abrücken, wenn ein Traktor als Blockheizkraftwerk genutzt wird. En-O-Trak ist es gelungen, die Gewährleistung über Versicherungen zu regeln.

Kreditierung gelöst
Auch die Kreditierung des Containersystems - bislang ein weiteres Problem - ist heute gelöst. Banken würden heute die Anlage finanzieren wie eine Immobilie, also den Container als Sicherheit anerkennen, sagt Schluchter.
Er bezeichnet den Verkauf der kommerziellen Erstanlage an die sächsische Klinik als Durchbruch. Es könne jetzt richtig losgehen bei der Verbindung von Energie und Traktor. Das O in En-O-Trak „steht für ein Rad, das beides verbindet“ .

Hintergrund Hoher Wirkungsgrad
Das En-O-Trak-System erreicht einen Wirkungsgrad von gut 80 Prozent. Bei einer Motorleistung von beispielsweise 100 Kilowatt ergibt das eine Nennleistung von 70 kW Strom und 110 kW Wärme.
Traktoren sind pro Jahr etwa 800 Stunden im Einsatz. Bei zusätzlicher Nutzung als Blockheizkraftwerk können sie laut En-O-Trak mindestens weitere 4500 Stunden arbeiten.
Die Einnahmen aus Stromeinspeisung und Wärmegutschrift betragen pro Jahr nach Firmenangaben 91 125 Euro. Die Wärmegutschrift ergibt sich aus der Differenz zu den üblichen Heizungskosten und liegt bei sechs Cent/kWh. Die Aufwendungen (Treibstoff, Motoröl, Versicherung) liegen bei 61 300 Euro. Daraus folgt per Saldo ein Plus von 29 825 Euro.