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| 01:03 Uhr

Wie der Stress zur Kurve wird

Erstmals können die Erregungsdaten von Stress-Patienten im Alltag über 24 Stunden und länger aufgezeichnet werden. An der Fachhochschule Lausitz (FHL) entwickelte ein Team dazu ein kleines Messgerät, das sich gut am Körper verstecken lässt. Bislang gab es nur große, stationär verwendbare Geräte. Die Neuentwicklung soll ab Mitte 2006 in Brieske produziert werden. Hersteller wird die eigens dafür gegründete Firma Dr. S. Noetzel Medizinischer Apparatebau sein. Von Rolf Bartonek

Es gibt den Schmerz, den es eigentlich nicht geben dürfte. Die Ärzte sprechen von psychosomatischen Beschwerden, wenn sie keinerlei organische Ursachen beispielsweise für ständig wiederkehrende Rücken- oder Kopfschmerzen finden können. Dr. Silvia Noetzel, die als Hausärztin und Psychotherapeutin im Berliner Stadtteil Wedding praktiziert, berichtet der RUNDSCHAU von Patienten, die jahrelang von einem Mediziner zum anderen laufen - immer auf der Suche nach körperlichen Ursachen für ihre Pein.
Das koste die Gesellschaft viel Geld. Gerade Patienten mit psychosomatisch bedingten Schmerzen würden unter Wahrnehmungsstörungen leiden und psychische Ursachen für ihr Leiden fast immer lange von sich weisen. Dabei könne ihnen letztlich nur geholfen werden, wenn sie diese Ursachen annehmen, sagt die Ärztin. Annehmen heiße zum Beispiel, das eigene Zeitmanagement zu überdenken, berufliche und familiäre Belastungen gegebenenfalls zu reduzieren und außerdem Entspannungsverfahren zu erlernen.
Um diese Menschen dahin zu bringen, braucht es eine objektive Datenbasis, an der sie nicht vorbeikommen. Der Ansatz dafür ist die Messung der Stressbelastung. So werden die Schmerzen selbst häufig durch negativen Stress ausgelöst. „Der Mensch fühlt sich getrieben und steht unter hoher psychischer Anspannung. Das wiederum führt zu einem hohen Muskelanspannungsgrad“ , beschreibt Silvia Noetzel das Entstehen schmerzender Verspannungen. Der Schmerz werde nun seinerseits als Stress empfunden. Es gehe aber auch um Stress durch Herzrasen, kalte Füße oder Hände, chronische Erschöpfung oder Reizdarmprobleme.
Schon lange gibt es in Arztpraxen stationäre Geräte zur Messung von Stressbelastungen. Sie helfen bei der Diagnose aber nur bedingt, weil die Patienten beim Arztbesuch ja oft gar keinen Stress empfinden. Erst die Gewinnung objektiver Daten für mindestens einen ganzen Tag kann darüber aufklären, welche Ereignisse psychosomatischen Schmerz auslösten. Der Patient muss dazu auch ein Tagesprotokoll führen, damit Daten und Ereignisse zeitlich in Verbindung gebracht werden können.

Am Körper tragbar
Noetzel wandte sich an Prof. Dr. Helmut Schuster von der Fachhochschule Lausitz und bat ihn, ein kleines transportables Gerät zu entwickeln, das am Körper getragen werden kann, damit Messungen über mindestens einen ganzen Tag möglich werden. Beide kennen sich seit ihrer Studentenzeit.
Schuster, selbst Wirtschaftsingenieur und Elektrotechniker, holte sich für den technischen Part noch den wissenschaftlichen Mitarbeiter Kai-Uwe Irrgang ins Boot. An der Entwicklung des Gerätes waren außerdem zehn Studenten maßgeblich beteiligt. Inzwischen sind zwölf Prototypen fertig, die sowohl bei Patienten als auch - zur Ermittlung von Vergleichswerten - bei gesunden Menschen im Einsatz sind.
Der Körper registriert Schmerz als eine Form von negativem Stress. Er befindet sich dabei in einem angespannten und erregten Status, der zu einer Veränderung des elektrischen Hautwiderstandes führt. Schuster erläutert, dass sich die elektrischen Felder der Nervenenden (Synapsen) verändern, wenn vom Zentralen Nervensystem aktivierende Befehle ausgehen. Zugleich würden sich innerhalb von 20 Millisekunden die Schweißdrüsen der Haut füllen. Die damit verbundene Veränderung des elektrischen Hautwiderstandes ist messbar. Aus einer Vielzahl von Daten entsteht dann im Computer die Stress-Kurve.
Das Gerät benötigt lediglich eine Spannung von drei Volt. Es sieht aus wie eine flache Taschenlampe. Zwei Drähte werden mit selbstklebenden Elektroden am Körper befestigt, etwa am Handballen oder am Arm. Der zwischen beiden Elektroden fließende Ministrom stößt auf den sich verändernden Hautwiderstand. Das Gerät liefert 300 Messwerte innerhalb von fünf Minuten. Es nimmt sogar halbstündig Trendberechnungen vor, wie Schuster berichtet.
Der Arzt kann bei der Auswertung der Messreihe und des Tagesprotokolls im Gespräch mit dem Patienten die stress- beziehungsweise schmerzauslösenden Ereignisse und Faktoren im Tagesablauf erkennen. Er weiß, dass bei psychosomatischen Beschwerden der Schmerz als Erregungszustand dabei oft weit über den Zeitpunkt seiner Auslösung hinausreicht.

Reg-dich-ab!-Funktion
Dies trifft generell bei negativem Stress zu, wenn er das Krankheitsstadium erreicht hat. Stress-Patienten regen sich leicht auf und schwer wieder ab. Das FHL-Team arbeitet daran, das Gerät durch eine Funktion zu ergänzen, die den Patienten daran erinnert, dass er sich schon viel zu lange aufregt und es Zeit wäre, sich zu beruhigen. Diese Funktion könnte zum Beispiel einen Vibrationsalarm auslösen, meint Schuster.

Hintergrund Markt für jährlich etwa 2000 Geräte
Eine Marktanalyse, die Prof. Helmut Schuster an seinem FHL-Fachbereich Wirtschaftswissenschaften vornahm, ergab einen jährlichen Bedarf von etwa 2000 Stressbelastungsmessgeräten in Europa.
Die Produktionsfirma in Brieske soll 2006 mit der Fertigung beginnen. In dem Betrieb werden fünf Arbeitsplätze geschaffen.
Nach FHL-Recherchen gibt es für das transportable Gerät praktisch keine Konkurrenz. Eine niederländische Firma stellt laut Schuster zwar ein transportables Stress-Messgerät her, aber nur für den wissenschaftlichen Gebrauch. Auch müssten die Elektroden hier an den Fingerspitzen angebracht werden, was unpraktikabel sei.
Patienten, die das Gerät vom Arzt einen Tag erhalten, müssen dafür voraussichtlich etwa 30 Euro bezahlen.