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| 02:46 Uhr

Wer verliert, wer gewinnt bei der geplanten Reform?

Die Bundesregierung will die Lebensversicherer stabilisieren und langfristige Ansprüche aller Versicherungsnehmer absichern – zulasten einer kleinen Kundengruppe. Im Fokus stehen dabei die Bewertungsreserven. Die RUNDSCHAU erklärt, was das bedeutet. Bernd Röder und André Stahl

Was sind die Bewertungsreserven der Versicherer?
Bewertungsreserven, auch stille Reserven genannt, sind Kursgewinne von Wertpapieren, Aktien und Immobilien. Diese Buchgewinne kommen zustande, wenn der Marktwert von Papieren steigt. Aktuell geht es um Anleihen von Staaten. Hier sind die Reserven derzeit besonders üppig, weil hoch verzinste Wertpapiere, die Versicherer vor vielen Jahren gekauft haben, wegen der extrem niedrigen Zinsen im Kurs aktuell deutlich gestiegen sind.

Was geschieht mit den Reserven?
Versicherungskunden, deren Vertrag regulär ausläuft oder die ihre Police vorzeitig kündigen, erhalten 50 Prozent der Bewertungsreserven, die auf ihre Lebensversicherung entfallen.

Worin besteht das Problem?
Die Versicherer müssen nun "Hochprozenter" verkaufen, um Kunden an den üppigen Reserven zu beteiligen. Diese freuen sich über hohe Renditen - zum Schaden vieler anderer Versicherter, deren Verträge weiterlaufen. Die Bewertungsreserven schwanken sehr stark - je nach Zinsentwicklung. Im vierten Quartal 2013 lagen sie nach Angaben der Versicherungswirtschaft bei 57,8 Milliarden Euro. Ein Jahr zuvor wurde ein Höchststand von 87,9 Milliarden Euro erreicht. Solange die Zinsen weltweit fielen, wurden Anleihen mit langer Laufzeit und vergleichsweise hohem Zins immer mehr wert.

Wie argumentiert die Branche?
Die aktuelle Rechtslage sei in einer Niedrigzinsphase "ökonomisch unsinnig". Um die etwa fünf Prozent jährlich abgehenden Kunden mit ihrem Anteil an der Bewertungsreserve ausbezahlen zu können, müssten die Versicherer einige Wertpapiere mit höherem Zinssatz verkaufen. Das gehe zulasten der 95 Prozent, die im Kundenstamm bleiben, denn deren Überschüsse verringerten sich. Es gehe bei der geforderten Änderung nicht darum, die Kundenbeteiligung an den Bewertungsreserven abzuschaffen, sondern "für die Lebensversicherung Brücken über die Niedrigzinsphase zu bauen".

Was genau plant die Regierung?
Letztlich will sie vor allem die Unternehmen in die Pflicht nehmen - was auch zu einer gewissen Konsolidierung der Branche führen dürfte. Anbieter, die mit hohen Renditen locken und keine soliden Geschäftsmodelle haben, dürften Probleme bekommen. Schwarz-Rot will dem Vorwurf begegnen, etwas Gutes für Unternehmen zu tun. Im Kern sollen mit den Umschichtungen Kunden stärker an Gewinnen beteiligt werden und nicht die Aktionäre. Eigner müssen mit weniger Ausschüttungen rechnen. Schließlich könnte der Garantiezins bei Neuverträgen von 1,75 auf 1,25 Prozent sinken. Bei Abschlüssen soll weniger in den Kassen der Anbieter und Vermittler landen.

Was heißt das für die Kunden?
Kunden, deren Police demnächst ausläuft oder die ihre Verträge kündigen, müssen sich auf Einbußen bei den Bewertungsreserven aus Anleihen einstellen - von einem bestimmten Stichtag an. Betroffen wäre also nur ein kleinere Gruppe der Versicherungsgemeinschaft. Wie weit die Eingriffe hier gehen sollen, um langfristige Garantieleistungen aller zu sichern, ist aber noch offen.