Die vergleichsweise entspannte Lage auf dem Arbeitmarkt schlägt sich in einem verbesserten Lehrstellenangebot nieder. Nach Angaben des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) stehen derzeit für 100 Bewerber bundesweit 78 Ausbildungsplätze zur Verfügung. Im Vorjahr waren es um die gleiche Zeit nur 64. „Da im September noch mehr Angebote hinzu kommen, wird sich die Zahl weiter erhöhen“ , sagt IAB-Ausbildungsexperte Hans Dietrich.
Lehrstelle ist allerdings nicht gleich Lehrstelle, halten die Gewerkschaften dagegen. Nach dem gestern veröffentlichten dritten Ausbildungsreport des DGB sehen sich viele Azubis mit regelmäßigen Überstunden, schlechter fachlicher Anleitung und einer geringen Aussicht auf Festanstellung konfrontiert. Fazit von DGB-Vize Ingrid Sehrbrock: „Die Mehrzahl der Lehrlinge ist zufrieden. Aber wir hören auch viel Kritisches.“
Ein großes Ärgernis sind demnach „ausbildungsfremde Tätigkeiten“ wie den Hof kehren oder Einkäufe für den Chef erledigen. Fast jeder fünfte Befragte gab an, „immer“ beziehungsweise „häufig“ damit befasst zu sein. Schwerpunkte sind hier das Dienstleistungsgewerbe und die Baubranche.
Für durchschnittlich 40 Prozent der Auszubildenden gehören regelmäßige Überstunden zum Alltag. Vor zwei Jahren waren es nur 35 Prozent. Bei den Hotelfachleuten ist die Quote mittlerweile sogar auf 70 Prozent gestiegen. Am besten stehen angehende Industriemechaniker da: Hier arbeiten nur 18 Prozent regelmäßig länger.
Ein weiterer Kritikpunkt sind die Ausbildungsinhalte: Jeder dritte Azubi klagt darüber, nur „manchmal“ , „selten“ oder „nie“ fachlich betreut zu werden. Ganz oben auf der Zufriedenheitsskala steht dabei erneut der Industriemechaniker, bei dem neben der Ausbildung auch die Vergütung stimmt. Im Westen kommt ein Azubi monatlich auf 789 Euro, im Osten auf 744 Euro. Ähnlich gut schneiden Bürofachkräfte und Bankkaufleute ab. Am Ende rangieren Gastronomieberufe sowie das Bäcker- und Malerhandwerk. Hier mangelt es laut DGB-Umfrage sowohl an der Ausbildungsqualität wie auch am Verdienst. So erhält etwa ein Bäckerlehrling 457 Euro im Monat, im Osten rund 100 Euro weniger.
Den jüngsten Vorwurf des Mittelstandsverbandes BVMW, viele Lehrlinge zeigten weder Engagement noch Disziplin, wies Sehr- brock als Pauschalurteil zurück. Zugleich lehnte sie eine vom BVMW geforderte grundsätzliche Leistungsvergütung der Azubis ab. Eine solche Idee sei nicht akzeptabel, weil das Lehrlingsentgelt in vielen Tarifverträgen fest geregelt sei.
Nach Einschätzung Sehrbrocks ist die berufliche Zukunft für zahlreiche Auszubildende trotz guter Wirtschaftslage ungewiss. Lediglich jeder fünfte Befragte war sicher, auch von seinem Betrieb übernommen zu werden. Damit hat sich die Quote gegenüber dem Vorjahr (knapp 17 Prozent) nur leicht verbessert. „Wenn der Facharbeitermangel so groß ist, wie die deutsche Wirtschaft immer wieder behauptet, ist nicht nachvollziehbar, warum so wenige Unternehmen ihren Auszubildenden eine berufliche Perspektive eröffnen“ , meinte Sehrbrock.
Zur Wahrheit gehört allerdings auch die Tatsache, dass jeder fünfte Auszubildende seine Lehre abbricht.