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| 07:17 Uhr

Weltspartag
Spar-Weltmeister mit Wissenslücken

 Der Weltspartag hat traditonell den Nachwuchs im Blick, um Konsumverzicht und bewussten Umgang mit Geld zu vermitteln. Die 16- bis 29-jährigen Bundesbürger sind ohnehin unangefochten Sparmeister: Neun von zehn sparen, aber nur 29 Prozent ist der Ertrag ihrer Geldanlage wichtig. Fast die Hälfte parkt Geld im Sparschwein oder auf dem Girokonto (Emnid-Vergleichsumfrage im Auftrag der Postbank).
Der Weltspartag hat traditonell den Nachwuchs im Blick, um Konsumverzicht und bewussten Umgang mit Geld zu vermitteln. Die 16- bis 29-jährigen Bundesbürger sind ohnehin unangefochten Sparmeister: Neun von zehn sparen, aber nur 29 Prozent ist der Ertrag ihrer Geldanlage wichtig. Fast die Hälfte parkt Geld im Sparschwein oder auf dem Girokonto (Emnid-Vergleichsumfrage im Auftrag der Postbank). FOTO: obs / DVAG Deutsche Vermögensberatung
Cottbus. In einer Welt ohne Zinsen, aber mit vielen Schulden scheint Sparen aus der Zeit gefallen. Am 31. Oktober ist Weltspartag, an dem die Geldindustrie traditionell Kunden darauf hinweist, dass aller Wohlstand mit den ersten Münzen in der Spardose beginnt. Weiterbildung auf dem Gebiet der Finanzen ist durchaus angeraten. Denn die Deutschen sind zwar Weltmeister im Sparen. Aber ihr Vermögen wächst weniger schnell als anderswo in Industrienationen. Von Sybille von Danckelman

Auf Internetseiten von Großbanken sucht man vergebens: „Weltspartag“ ergibt keine Treffer. Sparkassen und Genossenschaftsbanken fühlen sich der Tradition dann schon eher noch verpflichtet.

Weltspartag in der Lausitz

„An der Signalwirkung des Weltspartages, den die Sparkassen vor 94 Jahren ins Leben riefen, hat sich bis heute nichts geändert: Sparen und eine langfristige Finanzplanung sind auch in Zeiten von Niedrigzinsen sehr wichtig“, betont Ulrich Lepsch, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Spree-Neiße. „Wichtig ist“, so Lepsch weiter, „dass man seine Wünsche und Lebensziele fest im Blick hat und seine Finanzen gut überlegt anlegt. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Lage an den Aktienmärkten sollte man sich bei einer Investition in Fonds und Aktien der höheren Risiken bewusst sein und nur Geld anlegen, das man langfristig entbehren kann. Wir empfehlen weiterhin, aufgrund des besonders niedrigen Zinsniveaus auf Wohneigentum zu setzen, denn die selbst genutzte Immobilie ist die beste Altersvorsorge.“

Die Hypovereinsbank Cottbus nimmt den Weltspartag zum Anlass, um insbesondere junge Menschen für die Themen Sparen und Vorsorge zu sensibilisieren - und zwar gleich einen ganzen Monat lang, sagt Filialleiterin Romy Stöckmann. Denn am Sparen führe kein Weg vorbei. ,„Das gilt auch in Zeiten von Niedrigzinsen und Schwankungen an den Wertpapiermärkten. Umso wichtiger ist eine breite Streuung und regelmäßiges Sparen“, rät Stöckmann. Als Anreiz wird im HVB-Weltsparmonat täglich ein Gewinnspiel mit über 100 attraktiven Preisen angeboten und Neukunden unter 26 Jahren bei Abschluss eines bestimmtes Kontos ein Startguthaben offeriert.

Die Sparkasse Elbe-Elster gibt am Weltspartag traditionell ihren regionalen Kalender fürs neue Jahr an die Kunden aus. Zudem gibt es kleine Geschenke für Kinder, auch ein Quiz auf der Webseite wird vorbereitet, sagt Pressesprecherin Monika Skrabulska. Unabhängig vom Weltspartag halten Mitarbeiter der Geschäftsstellen regelmäßig Vorträge in Schulen, über „Vielfalt und Nutzen von Versicherungen, private Absicherung und Vorsorge“ oder „Richtiger Umgang mit Geld, finanzielle Absicherungen zur Lebensführung, Möglichkeiten zum „reich werden“.

Dabei hätten Banker durchaus mehr zu tun, als am Weltspartag mit Gewinnspielen und Werbegeschenken junge Kundschaft in die Filialen zu locken. Es gibt eine wichtige gesamtgesellschaftliche Aufgabe, nämlich etwas gegen die mangelhafte Finanzbildung zu tun. 

Spardose gefragter als Depot

Denn: Die Deutschen sparen zwar wie verrückt, aber offensichtlich nicht richtig. Das Geldvermögen der privaten Haushalte stieg laut jüngsten Zahlen der Bundesbank im ersten Quartal 2018 auf das Rekordhoch von 5875 Milliarden Euro. Durchschnittlich werden von 100 Euro Einkommen zehn Euro auf die hohe Kante gelegt. Neun von zehn Jugendlichen sparen, aber haben aber keine Ahnung von ihren Renditen, hat eine aktuelle Emnid-Umfrage für die Postbank ergeben. Da greifen offensichtlich auch die Bemühungen der Sparkassen nicht, die jedes Jahr über einige Wochen lang mit dem Planspiel Börse Jugendliche für Aktien, Wertpapiere, Kurse und Verkäufe zu interessieren versuchen. Die Sparkasse Elbe Elster will diese Börsianer auf Zeit nun sogar langfristig bei der Stange halten und für sie einen Stammtisch einrichten.

Unterm Strich aber bleibt: Gemessen an den gewaltigen Sparanstrengungen der Deutschen hält Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise die Vermögensentwicklung für „nicht gerade zufriedenstellend“. „In Deutschland arbeitet das Geld weniger für die Sparer als in vielen anderen Ländern“, sagte Heise Ende September zur Vorstellung der jährlichen Vermögensstudie seiner Versicherungsgesellschaft. Denn mit 49 760 Euro pro Kopf verharrt Deutschland in der Rangliste der Länder mit den reichsten Privathaushalten im Mittelfeld. Mit anderen Worten: Die Deutschen sind zwar Weltmeister im Sparen, aber nicht bei der Vermögensbildung. Da haben etwa die US-Amerikaner die Nase vorn. 177 210 Euro Nettovermögen hat dort statistisch jeder auf der hohen Kante, gefolgt von den Schweizern, Japanern, Belgiern. Selbst ein Neuseeländer hat mit 86 030 Euro Netto-Geldvermögen mehr als ein Bürger in Europas größter Volkswirtschaft Deutschland.

Und der Versicherer weiß auch, warum: Etwa 80 Prozent der Vermögenssteigerung weltweit sei Folge der guten Börsenentwicklung. Knapp 70 Prozent des Zuwachses resultierte der Allianz zufolge aus Wertveränderungen bei Aktien- und Anleihenbeständen. Netto, also abzüglich von Schulden, stiegen die Geldvermögen rund um den Globus um 7,6 Prozent auf 128,5  Billionen Euro - ebenfalls ein Rekordhoch.

Doch um die boomenden Börsen macht der gemeine Deutsche gern einen Bogen. Jeder Vierte verwahrt sein Geld heute sogar zu Hause. Er tut es sprichwörtlich ins Sparschwein - oder unters Kopfkissen. Und trotz mickriger Sparzinsen liegt viel Geld auf Tagesgeldkonten oder Sparbüchern. Das ist verschenkt, weil die Inflationsrate inzwischen höher liegt als der Zinssatz für sichere Geldanlagen.

Aktienkultur entwickeln

„Die Deutschen waren noch nie ein Volk von Aktionären. Das ist schade, aber es ist so“, stellt Franz-Josef Leven, stellvertretender Geschäftsführer des Aktieninstituts in Frankfurt/Main, daher auch nüchtern fest. Über Geld und Vermögensbildung werde traditionell in Familien nicht gern geredet. Viele wüssten zwar, dass die Börse mit Schwankungen von starken Aufs und Abs läuft. Dass Aktien langfristig mehr Rendite bringen als festverzinsliche Anlagen, ignorieren die meisten. In den Köpfen bliebe offensichtlich stärker hängen, dass man einerseits an der Börse viel Geld investieren müsste und man andererseits viel Geld verlieren könne. „Wenn einmal eine Fehleinstellung zu Aktien drin ist, dann bleibt die über Generationen drin“, sagt Leven.

Warum das etwa in den USA anders läuft, macht der promovierte Volkswirt an der Altersvorsorge fest. In den USA wird die über Aktien und Fonds steuerlich gefördert. Die Menschen müssen sich zwangsläufig mit langfristiger Vermögensbildung beschäftigen. Leven: Börsenwerte seien dort durchaus Themen am Frühstückstisch. In Deutschland müssten sich viele gar nicht ernsthaft mit Vermögen fürs Alter auseinandersetzen. Das geht seinen mehr oder weniger geordneten Gang im umlagefinanzierten Rentensystem. In zwei, drei Generationen könnte das auch hier anders sein, sagt Leven. Nämlich, wenn die deutsche Altersvorsorge um ein kapitalfinanziertes Element erweitert wird. Damit würde man auch zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Erstens würde man das ohnehin wegen Überalterung anfällige Umlagesystem stabilisieren, und zweitens würde man etwas für die deutsche Aktienkultur tun. Motto: Geld nicht irgendwo kurzfristig parken, sondern langfristig investieren.