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Weil der Scheiß schon stimmt

Menschen ohne Handy leben entspannter, heißt es. Keine permanente Erreichbarkeit; kein Druck, fortlaufend die Akkulaufzeit im Auge behalten zu müssen; keine ständige Verlegenheit, auf dem Display rumzuwischen und das Internetguthaben aufzubrauchen.

Falls diese These noch Verkörperung gesucht hat, so scheint sie eben jene nun in meinem Mitbewohner gefunden zu haben. Weil sein Mobiltelefon von heut' auf morgen die Arbeit einstellte, er aber auch zu bequem ist, sich ein funktionstüchtiges zu besorgen, ist er in diesen Tagen offline und findet allmählich Gefallen an dem alternativen Anti-Konsum-Kult, der einem erlaubt, auch mal mit weniger zufrieden zu sein und sich dem 3-2-1-Meins-Lebensgefühl zu entziehen.

Wie hat uns Teesy in seinem gesellschaftskritischen Song "Generation Maybe" so schön vorgeführt? "Keiner denkt mehr nach, weil der Scheiß schon stimmt. Hast du iPhone 4, brauchst du iPhone 5!" Mein Mitbewohner denkt nun nach und ich möchte behaupten, er wirkt viel entschleunigter. Seit seinem Handy-Entzug gibt es keine Diskussionen mehr, wer das Bad zu putzen hat, und auch kein Gezanke um den besten Couchplatz.

Man sollte nun meinen, ich müsste von dieser Harmonie profitieren - doch das ist zu kurz gedacht. Denn was meinen Sie wohl, wen seine Freundin derzeit anzurufen gedenkt, wenn sie ihren Göttergatten sprechen will? Insofern können Menschen ohne Handy tatsächlich entspannter leben. Aber auch nur, weil die Menschen in ihrer Umgebung immer unentspannter werden. Vielleicht sollte ich mein Handy auch mal kaputt ma..., äh gehen lassen - wir haben schließlich noch einen dritten Mitbewohner.