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| 08:43 Uhr

Kolumne Kurt Von Storch
Was an der Börse wirklich zählt

Wenn alle Anleger sich - wie manche Theoretiker behaupten - immer rational verhielten, wären die Märkte höchst effizient. Doch das ist Quatsch. Stattdessen sind die Geschichten, die erzählt werden, wichtig - und ihre Verbreitung.

Wer Wirtschaftswissenschaften studiert, lernt allerlei Theorien. Dass Wirtschaftsakteure, also wir alle, uns immer rational verhalten zum Beispiel. Weil wir sämtliche Informationen auswerten und uns erst dann ein Urteil bilden - ganz rational. Wenn dem so wäre, dann wären die Börsen, an denen alle rationalen Anleger samt ihren rationalen Urteilen zusammenkommen, höchst effizient. Die dort zustande kommenden Kurse wären immer, das heißt zu jedem Zeitpunkt, ein Spiegel der Realität. Was für ein Quatsch!

Wir alle wissen, dass die reale Welt sich von der konstruierten unterscheidet. Niemand verhält sich stets rational. Niemand kann alle Informationen auswerten, selbst wenn er sie hätte. Er stützt sich vielmehr auf seine Erfahrungen und Erwartungen. Kurzum: Er vertraut öfter seinem Bauch als seinem Kopf.

Kein Mensch würde Lotto spielen, wenn er sich ernsthaft mit Wahrscheinlichkeitsrechnung auseinandersetzte. Der Lottospieler spielt Lotto, weil er Woche für Woche die Geschichte eines Glückspilzes liest, der den Jackpot geknackt hat und nicht mehr weiß, wohin mit den vielen Millionen. Warum sollte es ihm nicht genauso ergehen?!

Was ich damit sagen will: Es sind die Geschichten, die wichtig sind - und die unser Verhalten beeinflussen. Das gilt auch und insbesondere für Wirtschaftsthemen, inklusive Börse. Der Nobelpreisträger Robert Shiller spricht von "narrativer Ökonomie". Narrative, also Geschichten, verbreiten sich rasend schnell. Über das Internet, die sozialen Medien, über alle Ländergrenzen hinweg. Sie entwickeln sich weiter, werden fortgesponnen von unzähligen Geschichtenerzählern. Realität und Dichtung vermischen sich. Was ist überhaupt wahr - und was falsch?

Narrative können sich wie Viren verbreiten, so wie bei einer "Epidemie". Je weiter die "Epidemie" fortschreitet, umso größer ist der Einfluss des Narrativs auf die Realität, ganz gleich, ob die Ursprungsgeschichte wahr oder falsch war.

Nehmen wir das Beispiel Kryptowährungen, eines der viel beachteten Themen dieser Tage. Auf den rasanten Anstieg folgte der deutliche Rücksetzer, folgte die Erholung. Die Medien überschlugen sich mit Berichten zu diesem Thema, insbesondere dem Bitcoin. Nicht zuletzt wegen seiner mysteriösen Geschichte - dem Umstand, dass der Erfinder ein Phantom zu sein schien So etwas hilft bei der Legendenbildung. Die sozialen Netzwerke quollen über mit Stellungnahmen und vermeintlich belastbaren Prognosen.

Auch wir verfolgen die Entwicklung des Bitcoin sehr aufmerksam. Meine Kollegen des Flossbach von Storch Research Institute etwa haben untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit der Berichterstattung in den Medien und der Preisentwicklung des Bitcoin gibt. Andersherum: Ob das Narrativ der vielen Geschichtenerzähler die Realität tatsächlich beeinflusst. Die Kollegen konnten einen Zusammenhang nachweisen. Was bedeutet das?

Jeder kann heute dank der sozialen Medien ein Narrativ in die Welt setzen. Je nachdem, wie gut die Geschichte verpackt ist, wird sie auf ein dankbares Publikum treffen. Das Problem für Anleger ist, dass es vermutlich nie so schwierig war, wahre und falsche Geschichten zu unterscheiden. Eine falsche Geschichte klingt nicht selten gut, weil sich der Geschichtenerzähler umso mehr Mühe mit der Verpackung gemacht hat, eine wahre dagegen oft schlecht. Anleger tun gut daran, sich dessen bewusst zu sein.

DER AUTOR IST IST GRÜNDER UND VOR- STAND DER FLOSSBACH VON STORCH AG IN KÖLN

(RP)