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Warum Berufsausbildung für Ausländer neue Wege braucht

Andreas Kotzorek wirbt im Ausland für die deutsche duale Berufsausbildung.
Andreas Kotzorek wirbt im Ausland für die deutsche duale Berufsausbildung. FOTO: Ch. Taubert
Cottbus. Der Cottbuser Freiberufler Andreas Kotzorek wirbt im Ausland für die duale Ausbildung und will in der Lausitz ein Modell, das für den Strukturwandel passt. Christian Taubert

Wie lässt sich die duale Lehrausbildung für junge Leute aus dem Ausland so gestalten, dass es Vorteile für alle Beteiligten gibt? Nicht erst mit der Bewältigung des Flüchtlingsstroms in der Berufsausbildung treibt den Cottbuser Dr. Andreas Kotzorek dieses Problem um. Nach 20 Jahren leitender Tätigkeit für die Industrie- und Handelskammer Cottbus ist er seit mehr als vier Jahren vor allem in Osteuropa als Berater und Experte für die duale Ausbildung unterwegs.

Das in Deutschland bewährte System der Ausbildung an zwei Lernorten - dem Betrieb und der Berufsschule - "erfährt international eine hohe Wertschätzung", erklärt Kotzorek. So sei er beispielsweise in Rumänien schnell in die Rolle eines Beraters der Regierung zur Etablierung der dualen Ausbildung gekommen. Nach einer entsprechenden Gesetzesänderung seien dort zahlreiche Pilotprojekte der dualen beruflichen Ausbildung nach dem Vorbild in Deutschland gestartet worden.

In Rumänien mangelt es nicht an Bewerbern, sondern an Ausbildungsplätzen. Auch gibt es dort eine große Bereitschaft der jungen Leute, für eine gute Ausbildung ins Ausland - besonders auch nach Deutschland - zu gehen, fasst Kotzorek seine Erfahrungen aus zahlreichen Praktika für rumänische Jugendliche in der Lausitz zusammen.

Was für die Suche nach neuen Wegen spricht, das seien nach Kotzoreks Ansicht die Erfahrungen aus Projekten zurückliegender Jahre: Kooperationen mit der Woiwodschaft Zielona Gora oder innerhalb der Euroregion Spree-Neiße-Bober. So verweist die Leiterin des Geschäftsbereiches Aus- und Weiterbildung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus, Anke Schuldt, auf Betriebs-Praktika für 50 polnische Jugendliche.

Sie seien ebenso ernüchternd verlaufen wie das jüngste Projekt der Handwerkskammer Cottbus. Dort hätten von 20 polnischen Auszubildenden gerade einmal fünf durchgehalten. Als Gründe für den Abbruch der Lehre waren stets das Erlernen der deutschen Sprache, um an der Berufsschule zu bestehen, und Heimweh angegeben worden.

Nach Auffassung von Kotzorek stellt die duale Ausbildung mit dem verpflichtenden Berufsschulbesuch tatsächlich eine große Sprachhürde für ausländische Jugendliche dar. Er schlägt deshalb vor, den ausländischen Jugendlichen ein berufspraktisches Jahr anzubieten, in dem wesentliche praktische Inhalte eines anerkannten Ausbildungsberufs vermittelt werden.

Gerade in den osteuropäischen Ländern besuchen viele Jugendliche Schulen, die fachliche Kenntnisse handwerklicher und gewerblich technischer Berufe vermitteln. Was fehlt, ist die betriebliche Praxis und Ausbildung. Für ausländische Jugendliche gerade auch aus dem benachbarten Polen sollte es interessant sein, die praktischen Kenntnisse in deutschen Unternehmen zu erwerben, wo duale Ausbildung lange Tradition hat und hohe Wertschätzung auch im Ausland genießt.

Für die Betriebe hat ein berufspraktisches Jahr den Vorteil, dass die Jugendlichen nicht ständig wegen der Berufsschule fehlen, sondern dauerhaft im Betrieb anwesend sind. Das Interesse an der praktischen Arbeit sollte die ausländischen Auszubildenden motivieren, sich rasch die notwendigen Sprachkenntnisse anzueignen. "Freilich müssen sich die Betriebe dazu verpflichten, wesentliche praktische Inhalte nach der Ausbildungsverordnung zu vermitteln", erklärt Berater Kotzorek. "Nur dann ist auch eine Ausbildungsvergütung zu rechtfertigen, die unterhalb des Mindestlohns liegt."

Der Erwerb berufsrelevanter Praxis sollte den Jugendlichen in einem förmlichen Zertifikat bestätigt werden. Die Kammern und ihre Weiterbildungseinrichtungen könnten hier eine zentrale Rolle spielen, so Kotzorek, der auch auf die positiven Erfahrungen mit der Einstiegsqualifizierung für noch nicht ausbildungsgeeignete Jugendliche verweist.

Selbst wenn die Jugendlichen nach dem Abschluss nur für einige Jahre in den deutschen Betrieben arbeiten, verspricht ein berufspraktisches Jahr Gewinn für alle Seiten: Die regionalen Unternehmen gewinnen auf diese Weise wenigstens für einige Jahre zusätzlichen beruflichen Nachwuchs. Die ausländischen Jugendlichen erhalten eine vorzügliche praktische Ausbildung in Ergänzung ihrer mitgebrachten schulischen Fachkenntnisse.

Und bei einer Rückkehr in ihr Heimatland stehen sie dort für die heimische Wirtschaft und für ausländische Investoren als Fachkräfte mit soliden Praxiserfahrungen zur Verfügung. Vor dem Hintergrund des bevorstehenden Strukturwandels in der Lausitz, so Kotzorek, sollte auch zu den Ansprüchen der Innovationsregion Lausitz gehören, neue berufliche Wege in der Ausbildung zu gehen.