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Wankelmotoren aus Cottbus

Als Felix Wankel 1988 im Alter von 86 Jahren starb, schien der von ihm entwickelte Drehkolbenmotor seine beste Zeit schon hinter sich zu haben. Zwar sind, beginnend 1967 mit dem NSU Ro 80, weltweit bis heute über eine Million Autos mit Wankelmotoren gebaut worden. Doch bis auf Mazda haben sich alle Hersteller von diesem Antrieb verabschiedet. Nun wollen Wankels Nachfolger dem Motor neue Einsatzgebiete erschließen. Es ist nicht der erste Versuch, aber ein völlig neuer Ansatz. Sie gründeten dazu Anfang 2003 ein Unternehmen mit Sitz in Cottbus: die Wankel Super Tec GmbH. Von Rolf Bartonek

Der erste Eindruck ist ein skeptischer. Warum soll ausgerechnet von Cottbus ein neuer Siegeszug des Wankelmotors ausgehen, wo doch das Know-how hauptsächlich bei Wankels technischen Erben in Süddeutschland gebündelt ist? Und was will eine kleine Firma schon bewegen, wenn doch die Großen das Thema längst beiseite gelegt haben? Der Geschäftsführer Michael Schirmer ist überdies bislang einziger Angestellter der Wankel Super Tec GmbH. Mancher mag daran denken, dass es in Cottbus bereits einen fehlgeschlagenen Versuch gibt, Motorenbau zu etablieren: Die Leichtmotorenbau Cottbus GmbH hat sich von ihren Plänen verabschiedet.
Aber mit Skepsis ist gar nichts zu bewegen. Eine nähere Betrachtung ergibt viele gute Gründe, an den Erfolg von Wankel Super Tec zu glauben. Da ist vor allem interessant, wer hinter diesem Projekt steht, dessen Ansiedlung in Cottbus vor allem der Initiative des Präsidenten der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU), Prof. Dr. Ernst Sigmund, zu danken ist. Als Investor betätigt sich die kanadische Firma Rotor Power Corporation Inc. (Bundesstaat Ontario), die sich seit vielen Jahren mit der Technik der Drehkolbenmotoren befasst. Sie stellt als Anschubfinanzierung zunächst fünf Millionen Euro bereit, wie Schirmer
berichtet.
Hinter der Wankel Super Tec GmbH stehen aber auch viele der einstigen Mitarbeiter und technischen Erben Felix Wankels, allen voran Dankwart Eiermann. Sie unterstützen das junge Cottbuser Unternehmen auf der Grundlage von Verträgen bei den notwendigen Motorentwicklungen für neue Anwendungen.

Langjährige Erfahrungen
Geschäftsführer Michael Schirmer selbst bringt ebenfalls vielseitige, für das Projekt wertvolle Erfahrungen aus früheren Tätigkeiten bei der Klöckner-Humboldt-Deutz Luftfahrttechnik GmbH in Oberursel, bei BMW Rolls-Royce in Dahlewitz und bei der CargoLifter Development GmbH mit. So arbeitete er in Oberursel an der Entwicklung von Kleinkolbenmotoren für unbemannte Luftfahrzeuge (Drohnen), war in Dahlewitz verantwortlich für die Entwicklung von Kleintriebwerken, bis das Unternehmen dieses Geschäftsfeld aufgab. Später hat er bei CargoLifter den Bereich Antriebe aufgebaut und geleitet.

Welt-Wankel-Zentrum
Noch vor drei Jahren galt der Ort Korb bei Stuttgart als "Welt-Wankel-Zentrum". Dort versuchten die Nachfolger Felix Wankels unter anderem, den Drehkolbenmotor als Flugzeugantrieb zu etablieren. Der Wankel Rotary GmbH in Korb ging aber das Geld aus, sie wurde insolvent. Das Engagement des BTU-Präsidenten Sigmund ist darauf gerichtet, nach und nach Cottbus zum neuen Wankel-Zentrum zu machen. Deshalb wurde die neue Firma in der Lausitz gegründet, hier soll sie mit Lehrstühlen der BTU kooperieren. Schirmer spricht von einer günstigen Konstellation.
Diese ergibt sich auch aus neuen technisch-wirtschaftlichen Faktoren. So ist der dem Wankelmotor anhängende Makel eines hohen Verbrauchs, hoher Kohlenwasserstoff-Emissionen und geringer Zuverlässigkeit heute längst überholt, wie Schirmer betont. "Wir schaffen bei den Emissionen spielend die Euro-4-Norm." Zudem soll der Cottbuser Wankelmotor nicht mit Benzin, sondern mit Diesel laufen. Dabei wird der Kraftstoff nach dem in der Autoindustrie bewährten Common-Rail-Verfahren unter sehr hohem Druck in den Brennraum eingespritzt, was zu optimaler Verbrennung bei minimaler Rußpartikelbildung führt.
Vor Jahren waren Versuche, Wankelmotoren mit Diesel zu betreiben, daran gescheitert, dass die hohen Verbrennungsdrücke zu Rissbildungen im Motorgehäuse führten. Mit dem patentierten "durchgehenden Zuganker" – das ist eine Art lange Schraube, die das Gehäuse verstärkt und Zuglasten aufnimmt – ist dieses Problem gelöst.
Wirtschaftlich Erfolg versprechend ist die geplante Anwendung des Wankelmotors außerhalb der Autobranche. Der Ersteinsatz könnte sehr wahrscheinlich in Stromerzeugungs-aggregaten erfolgen. Ein mobiles Wankel-Stromaggregat mit 20 Kilowatt wäre mit 80 bis 90 Kilogramm nur etwa ein Drittel so schwer wie eines mit konventionellem Dieselmotor. Es wäre auch viel kompakter, käme mit einem Drittel weniger Bauteilen aus und erforderte nur einen minimalen Wartungsaufwand. Die Wankel Super Tec hat viele industrielle Anwendungen des Wankelmotors im Visier, will dafür auch Lizenzen vergeben. Besonders interessant scheint die Entwicklung von Bootsmotoren, die Zweitakter verdrängen können. In den USA gelten ab 2007 für Zweitaktottomotoren verschärfte Emissionsgrenzwerte. Das betreffe auch Schneemobile, sagt Schirmer.
Bei alledem zeichneten sich Wankelmotoren dadurch aus, dass sie praktisch keine Vibrationen verursachen und äußerst geräuscharm laufen. Schirmer glaubt fest daran, in Cottbus eine neue Etappe des Baus von Wankelmotoren einläuten zu können.

Hintergrund

Fünf Etappen zum Erfolg
Im Januar soll der Prototyp des ersten Cottbuser Wankelmotors fertig sein und dann auf dem Prüfstand getestet werden.
Im April wird der erste autarke Motor, das heißt mit allen Anbauaggregaten wie Öl- und Wasserpumpe, bereitstehen.
Ende 2004 produziert Super Tec laut Plan die erste Vorserie.
2005 erhalten Kunden die ersten Wankelmotoren für Anwendungserprobungen.
2006 beginnt die Wankel Super Tec die Montage der ersten Serie der Drehkolbenmotoren.