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Wankel übernimmt Gubener Werk

Acht Jahre hat die Maschinenfabrik Guben in der Regie eines Insolvenzverwalters gearbeitet. Anfang August wurde das Werk von der Cottbuser Firma Advanced Technology Innovations (ATI) übernommen. ATI ist ein Holding-Konstrukt, hinter dem sich vor allem die Cottbuser Wankel Super Tec GmbH verbirgt. Die ist emsig dabei, das Kooperationsnetz für künftige Wankel-Kleinserienproduktionen zu knüpfen. Für die Gubener ergibt sich daraus erstmals seit vielen Jahren wieder eine gute Perspektive. Von Rolf Bartonek

Es sind nicht mehr viele, die sich darüber freuen können. 1989, zum Ende der DDR, beschäftigte das Gubener Werk rund 400 Menschen. Nach einem dramatischen Personalabbau in den 90er-Jahren und langer Arbeit unter Insolvenzbedingungen zählt der Betrieb heute nur noch sieben Mitarbeiter. Es gibt in den Hallen weit mehr Maschinen als Menschen. Aber die Verbliebenen dürfen nun wieder hoffen, dass es aufwärts geht. Betriebsleiter Wolfgang Winter hatte sich sehr darum bemüht, mit dem Rest des einst stolzen Unternehmens ins Umfeld der Wankel-Motorenentwickler aufgenommen zu werden. Es hat geklappt.
Maßgeblich dafür gewirkt hat vor allem Prof. Dr. Dr. Ernst Sigmund. Der ehemalige Präsident der Bran-denburgischen Technischen Universität (BTU) ist weiterhin Lehrstuhlinhaber in Cottbus. Als Gesellschafter und Beiratsmitglied hat er aber auch Einfluss auf die Geschicke der Wankel Super Tec (WST). Bei dem Motorenentwickler wachsen die Bäume auch nicht in den Himmel. Vor allem wachsen sie langsamer. Die für 2007 angekündigte erste Kleinserienproduktion von 100 bis 200 Motoren wird es erst im nächsten Jahr geben. Sigmund rechnet jetzt mit der Vorserienfertigung etwa im Sommer 2008.
Eine Ursache für die Verzögerung sieht er in den bisher zu geringen Entwicklungskapazitäten. In Cottbus seien vier Ingenieure in die Arbeiten eingebunden. Aber an dem Projekt arbeiteten - bislang bundesweit verstreut - weitere Experten mit. Das Unternehmen hat die Kapazitäten nun auf zwei Orte konzentriert: auf Cottbus und Lindau am Bodensee. In der Region um Lindau wohnten heute noch einige der Top-Entwickler aus der alten deutschen Wankelgarde, begründet Sigmund den Aufbau des südlichen Konstruktionsbüros. Das seien mittlerweile Pensionäre, die dort nicht weggehen würden.
WST wird aber auch noch ein großes Ingenieurunternehmen in die Aufgabe einbinden, den weltweit ersten Wankel-Dieselmotor mit Direkteinspritzung serienreif zu machen. Mit möglichen Partnern wird derzeit verhandelt. Im Herbst will die Wankel Super Tec ihre Entscheidung bekannt geben.

Über 20 Zulieferer
Es sind aber nicht nur Engpässe bei den Entwicklungskapazitäten, die WST überwinden muss. Es sind auch lange Lieferzeiten, vielfach bedingt durch die boomende Wirtschaft. Für den Bau eines Motors bezieht die Wankel Super Tec Zulieferungen von mehr als 20 Firmen, die natürlich Großabnehmer bevorzugt bedienen, während WST Sonderanfertigungen in Kleinstmengen bezieht. „Da müssen wir uns auch mal hinten anstellen“ , bedauert Sigmund.
Derzeit laufen sechs Motoren des Prototyps 1 auf den Prüfständen, drei wurden an Partner geliefert: Zwei Prototypen gingen an die Münchner Firma L3 Communication Magnet-Motor GmbH, einer an die Combat Propulsion Systems in Muskegon am Michigansee (USA). Beide gehören zum amerikanischen Konzern L3 Communications, der zwei Cottbuser Wankel-Projekte unterstützt. Dabei geht es um den Einsatz des Wankelmotors für Stromaggregate vornehmlich im militärischen Bereich. Im Frühjahr war von WST auch der niederländische Forschungs- und Entwicklungsbetrieb TNO aus Delft als Bezieher eines Prototypen gemeldet worden. Dies wurde jetzt dementiert. „Wir brauchen die Motoren für die Tests dringend hier“ , begründet Sigmund dies. TNO habe nun seinerseits WST einen Generator überlassen, um ihn an den Wankelmotor anzupassen.
Der Prototyp 1 ist noch ein Wankelmotor, bei dem Zusatzteile wie Steuerungselektronik, Turbolader, Pumpen und Einspritzsystem nicht voll in die Maschine integriert sind. Sie stammen von größeren Hubkolbenmotoren. Derzeit wird mit Hochdruck am Prototypen 2 gearbeitet. Erst bei ihm sind alle Teile baulich integriert, sodass der Vorteil des Kreiskolbenmotors - seine extrem kompakte Bauweise - erreicht wird. Laut Sigmund soll der Prototyp 2 zum Jahresende voll konstruiert sein. Die Teilebestellung und -fertigung für diesen Vorserienmotor werde dann etwa ein halbes Jahr dauern. Ab Sommer 2008 könne die erste Vorserie produziert werden. Eine Großserienfertigung gehört nicht zum Konzept der Wankel Super Tec. Vielmehr will das Cottbuser Unternehmen Wankelmotoren mit einem bis vier Kreiskolben (50 bis 200 PS) für verschiedene Einsatzzwecke entwickeln. Die Großserienproduktion soll dann der jeweilige Anwender übernehmen, beispielsweise Tochterunternehmen von L3 Communications.

Neue Aufgaben für Gubener
Nach den Plänen von WST werden die Gubener an den Kleinserien mitwirken. Aber damit wäre die Maschinenfabrik, der Sigmund wieder personelles Wachstum prophezeit, nicht ausgelastet. Süddeutsche Partner von WST hätten sich den Maschinenpark angeschaut und vorgeschlagen, generell eine Produktion von Verzahnungs- und Getriebetechnik aufzubauen, berichtet Sigmund. Er plant für 2008 einen Umzug der Fabrik innerhalb Gubens. Derzeit liefert der Betrieb vor allem Ersatzteile für große Dieselmotoren aus dem einstigen Magdeburger Schwermaschinenbaukombinat SKL. Damit schreibt das Werk zwar schwarze Zahlen. Aber jeder weiß: Es ist ein endliches Geschäft. Denn den Motorenbauer SKL gibt es schon lange nicht mehr. Bald aber den Motorenbauer WST.

Hintergrund Prototyp wird nach Südkorea verschickt
Ein Prototyp 1 des Wankel-Dieselmotors wird in diesen Tagen auf die Reise nach Südkorea geschickt. Dort sei das Interesse an dem Motor extrem groß, berichtet Sigmund. Im Herbst werde die Wankel Super Tec GmbH in Südkorea eine 100-prozentige Tochterfirma gründen, die Einsatzmöglichkeiten für den Motor ausloten und Kooperationen erschließen soll.
Hinter dem Wankel-Projekt steht eine Reihe privater Investoren aus Deutschland. Laut Sigmund wurden bisher rund 7,5 Millionen Euro „direkt in die Motorenentwicklung“ investiert. Vor zwei Jahren stieg auch der US-
amerikanische Konzern L3 Communications in zwei Wankel-Projekte ein.