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"Vorhersagen nicht bestätigt"

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Die Einführung des Mindestlohns hat hohe Wellen geschlagen. Massenentlassungen wurden befürchtet. 100 Tage nach der Einführung zieht Sachsens DGB-Chefin Iris Kloppich eine erste Bilanz.

Frau Kloppich, wie sieht die Bilanz der Gewerkschaft konkret aus?
Die 100 Tage sind im Ergebnis so, dass die ganzen Horrorvorhersagen sich nicht bewahrheitet haben. Es gibt keine gestiegene Arbeitslosigkeit, und es sind auch nicht massenhaft sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse zerbrochen. Aber wir sehen natürlich, dass es auch Fälle von Personalabbau gegeben hat, etwa in Filialen von Großbäckereien. Unsere Bilanz dennoch: Das war ein guter Start. Jeder vierte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte profitiert in Sachsen vom Mindestlohn.

Gibt es viele schwarze Schafe, die sich nicht an die Vorgaben halten?
Noch gibt es bis 2017 ja einige Ausnahmen vom Mindestlohn, überall da, wo noch Tarifverträge laufen. Aufschieben durch Tarifverträge ist aber kein Massenphänomen. Allerdings gibt es eine Menge Versuche, den Mindestlohn zu umgehen, wie das an der von der Gewerkschaft geschalteten Telefonhotline von Betroffenen berichtet wird. So werden Zuschläge für Wochenendarbeit oder Feiertage gekürzt. Und wir haben ein Thema, das wir so nicht erwartet hätten. Solarien zum Beispiel bieten ihren Mitarbeitern statt Mindestlohn kostenloses Bräunen, Bäckereien bieten ein kostenloses Mittagessen an. Bei manchen Taxiunternehmen wird der Mindestlohn nur für die Zeit gezahlt, in der das Auto tatsächlich fährt.

Wie sieht die Gewerkschaft die Dokumentationspflicht?
Die Dokumentationspflicht ist unabdingbar. Denn eine Kontrolle muss es geben. Ansonsten wäre das Ganze ja nur so eine Art Good-Will-Aktion. Als Bürokratiemonster wird eine Selbstverständlichkeit jetzt mächtig aufgebauscht. Denn eine Dokumentationspflicht gibt es doch schon immer. In den größeren Unternehmen etwa in Form von Stechuhren, auch auf Baustellen ist das üblich. In Sachsen gibt es etwa 120 000 Unternehmen, davon rund 90 000 mit unter fünf Beschäftigten. Das ist doch kein Bürokratiemonster, wenn man für fünf Beschäftigte Arbeitsbeginn und -ende sowie Pausenzeiten dokumentieren muss.

Mit Iris Kloppich

sprach Gitta Keil