Von Sebastian Riemer und
Klaus Welzel

  Der Pferdefuß: Der Test ist nicht so revolutionär, wie er angepriesen wurde. Recherchen der Rhein-Neckar-Zeitung ergaben, dass er noch lange nicht marktreif ist. Die Staatsanwaltschaft startete Ermittlungen wegen Kursmanipulation und Insiderhandels mit Aktien. Die Heidelberger Uniklinik hat Strafanzeige gegen unbekannt gestellt. In der vergangenen Woche übernahm die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Mannheim die Ermittlungen ihrer Heidelberger Kollegen – „wegen der Größenordnung des Verfahrens“, hieß es aus Justizkreisen.

Die „Bild“-Schlagzeile „Weltsensation aus Heidelberg“ vom 21. Februar könnte hierbei eine gewichtige Rolle spielen, weil sie womöglich den Kurs einer Aktie in China beflügelt hat. Zwar gibt man sich bei der Justiz bedeckt, dennoch kam schnell der Verdacht auf, dass hinter dem „Bluttest-Skandal“ ein Verstoß gegen das Wertpapierhandelsgesetz stecken könnte. Doch wie sollten die Erkenntnisse der Heidelberger Forscher in Bares umgesetzt werden? Ausgangspunkt sind zwei Ausgründungen der Universität Heidelberg: die Heiscreen GmbH und die Heiscreen NKY GmbH.

Die Heiscreen NKY hat in China die Aufgabe, Bluttests durchzuführen, um den Heidelberger Test für den asiatischen Markt fit zu machen. An ihr ist unter anderem die chinesische Aktiengesellschaft NKY Medical Holding Ltd beteiligt – ein Chemie- und Pharma-Konzern. Eine Vereinbarung sieht vor, dass NKY Medical den Bluttest vermarktet und im Gegenzug Lizenzgebühren an das Uniklinikum Heidelberg zahlt. Wird der Test ein Erfolg, winkt ein Milliardengeschäft, mutmaßt der Mannheimer Ökonom Professor Christoph Spengel.

Auffällig: Wie Forschungsergebnisse in Heidelberg den Aktienkurs von NKY Medical beeinflusst haben. Als die Forscherin Rongxi Yang 2016 den ersten Durchbruch meldete, wurde die Aktie ganzjährig gut gehandelt. Yang hatte den Kontakt zwischen den Heidelbergern und NKY Medical hergestellt. Im April 2017 merkte das zweite Team um die Professoren Christof Sohn und Sarah Schott, dass die alten Daten der ursprünglichen Testerfinderin so nicht reproduzierbar waren. Bei einer Präsentation hieß das ernüchternde Ergebnis: „Jetzt wissen wir alle: Der Test taugt nichts“, sagte einer, der damals dabei war. Es folgte eine Aktienhandelsflaute.

Im November und Dezember 2018 wurden die Testergebnisse des neuen Forscherteams jedoch deutlich besser. Zwar erreichten sie nicht 100 Prozent Treffergenauigkeit, wie sie die Forscherin Yang gemeldet hatte, aber die Tendenz zeigte nach oben.

Folglich nahm auch der Handel zu – der Kurs betrug zu diesem Zeitpunkt allerdings immer noch nur rund zwölf chinesische Yuan (heute 1,59 Euro). Der China-Riese war damit unterbewertet. Im Januar 2019 erörterte die Firma Heiscreen GmbH eine Veröffentlichung der Ergebnisse. Am 30. Januar wurde die PR-Kampagne beschlossen. Als am 21. Februar 2019 der Bluttest auf dem Gynäkologenkongress in Düsseldorf vorgestellt wurde und die „Bild“-Zeitung zeitgleich „Weltsensation“ titelte, stieg der Kurs zunächst auf 14,22 chinesische Yuan. Der Höchststand wurde mit 22,52 Yuan am 25. März erreicht.

Ein Insiderhandel wäre gegeben, wenn jemand, der Kenntnis von den zu erwartenden Forschungsdurchbrüchen hatte, Aktien gekauft und zugleich einen Vertrag über einen späteren Verkauf abgeschlossen hätte. Was für Laien kompliziert klingt, „sind ganz übliche Kaufverträge an der Börse“, erklärt Finanzwirtschaftler Spengel. Wer viel investiere, könne richtig viel Geld machen. Insiderhandel ist in Deutschland strafbar, auch wenn er im Ausland begangen wird. Bis zu fünf Jahre Haft oder eine Geldstrafe drohen den Tätern. Nach diesen fahndet ab jetzt die Staatsanwaltschaft Mannheim.

Die Börse in Shenzhen, einer 12,5-Millionen-Metropole bei Hongkong, gehört zur Sonderwirtschaftszone und ist deshalb für Nicht-Chinesen ein wichtiger Handelsplatz. Das könnten sich Mitwisser zunutze gemacht haben. Und der Kreis derjenigen, die Bescheid wussten, ist groß: Neben diversen Forschern waren auch der Vorstand des Uniklinikums, der die PR-Kampagne eng begleitete. und das Tochterunternehmen Technology Transfer Heidelberg auf dem Laufenden.

Gut informiert war aber auch der Unternehmer Jürgen Harder, der mit 39,2 Prozent an der Heiscreen GmbH beteiligt ist. Und schließlich war Harder-Freund Kai Diekmann bei mehreren Treffen in Heidelberg „aus Interesse“ dabei. Diekmann war bis Ende 2015 Chefredakteur der „Bild“-Zeitung – und pflegt noch immer engen Kontakt zu seinen ehemaligen Kollegen.