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"Unsere Arbeitszeit diktiert der liebe Gott"

Startklar für die Ernte: Für Sachsen ist der diesjährige Auftakt in der Nähe von Gleina (Gemeinde Malschwitz) vollzogen worden.
Startklar für die Ernte: Für Sachsen ist der diesjährige Auftakt in der Nähe von Gleina (Gemeinde Malschwitz) vollzogen worden. FOTO: Menschner/ume1
Malschwitz. Die sächsischen Bauern erwarten in diesem Jahr eine durchschnittliche Ernte und ärgern sich über pauschale Vorwürfe und Bürokratie. Uwe Menschner / ume1

Besonders hoch ist er nicht: Der blaue Balken, der den Niederschlag im Monat Juni des Jahres 2017 veranschaulicht, hängt nur etwa auf halber Höhe des benachbarten gelben Balkens. Dieser zeigt den Durchschnittswert aller Juni-Monate der vergangenen zehn Jahre an.

"Aber da fehlt doch sicher noch der kräftige Regen von gestern", meint ein Besucher. "Nein nein, der ist da schon mit drin", erklärt ihm Dieter Liebscher. Der Geschäftsführer des Regionalbauernverbandes Bautzen-Kamenz weiß, dass der gegenwärtige Frühsommer einem beunruhigenden Trend folgt: Er ist viel zu trocken.

Das war schon im Mai so, und auch die teils heftigen Regenfälle vom vergangenen Donnerstag ändern daran nichts. "Wenn man 15 Zentimeter tief gräbt, ist da von Feuchtigkeit keine Spur mehr", erklärt Friedrich Hesse. Er betreibt gemeinsam mit seinem Sohn Stefan einen landwirtschaftlichen Betrieb in Dubrauke (Gemeinde Malschwitz, Kreis Bautzen). In diesem Jahr durften beide als Gastgeber für die alljährliche Pressekonferenz zum Erntestart fungieren.

Trotz des fehlenden Niederschlags der vergangenen Wochen erwarten die Landwirte im Freistaat Sachsen für 2017 eine durchschnittliche Ernte. "Auf den leichten Standorten in Nord- und Ost sachsen weist die Wintergerste deutliche Trockenschäden auf, sodass wir hier mit Ertragseinbußen rechnen", so der Präsident des Landesbauernverbandes Sachsen, Wolfgang Vogel. Er hofft, dass Raps und Winterweizen als Folgekulturen noch von den Niederschlägen zu Pfingsten profitieren können. Das kalte Frühjahr habe sachsenweit zu Verzögerungen in der Entwicklung des Getreides geführt, die aber durch die warme Witterung im Mai und Juni aufgeholt wurden. "Ertragseinbußen sind hierdurch nicht zu erwarten", so der Präsident.

Also alles eitel Sonnenschein in der Landwirtschaft? Keineswegs. "Wenn wir für einen Liter Milch 33 und einen halben Cent bekommen, und das Stück Butter im Supermarkt 1,67 Euro kostet, stimmt etwas nicht in der Wertschöpfungskette", sagt Wolfgang Vogel. Allerdings nimmt er seinen Berufsstand dafür durchaus mit in die Verantwortung: "Wir Bauern sind uneinig und machen es dem Einzelhandel zu leicht, die Preise zu diktieren."

Das Leben schwer machen den Bauern auch die starren Regelungen zu Mindestlohn und Arbeitszeit: "Unsere Arbeitszeit diktiert der liebe Gott über das Wetter. Es ist völlig absurd zu verlangen, dass wir nach zehn Stunden vom Mähdrescher steigen."

Wolfgang Vogel redet sich in Rage, als es um endlose Zulassungszeiten für Pflanzenschutzmittel und um die Behauptung, die Landwirtschaft würde durch Nitrate das Trinkwasser vergiften, geht: "Wir müssen unsere Kulturen schützen und ernähren. Das geht nur mit Pflanzenschutzmitteln und Dünger."

Friedrich Hesse nennt noch ein weiteres, seit einigen Jahren auftretendes Ärgernis: "Rotten von bis zu 30 Wildschweinen, die enorme Schäden verursachen." Helfen würde die Genehmigung für Nachtjagden mit künstlichen Lichtquellen.

Im sächsischen Umwelt- und Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt (CDU) finden die Landwirte einen Fürsprecher gegenüber der oftmals unsachlichen Kritik an ihrem Berufsstand: "Diese Pauschalunterstellungen treffen mich sehr. Unsere Bauern treiben einen hohen Aufwand für gesunden Boden und gesunde Tiere." Doch auch im Kreise seiner Kollegen vermisst der sächsische Minister "manchmal die Fachlichkeit: So konnten wir uns nicht einmal darauf einigen, dass die Hauptaufgabe der Landwirtschaft in der Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln besteht". Sachsen setze sich für eine grundlegende Neuordnung in der Förderung des ländlichen Raums ein: "Nicht mehr das Einhalten von Verfahrensvorschriften, sondern das Erreichen von Zielen muss im Mittelpunkt stehen."