Von Dieter Keller

„Liebe IG Metall, jetzt Zukunft sichern!“, begrüßen die bayerischen Metall-Arbeitgeber auf großen Plakatwänden die Delegierten des Gewerkschaftstags der größten deutschen Arbeitnehmervertretung in Nürnberg. Besonders freundlich ist das nicht gemeint: Die Arbeitgeber, allen voran ihr Spitzenverband Gesamtmetall, kritisieren neuerdings die Gewerkschaft ziemlich harsch.

Das dürfte Gewerkschaftschef Jörg Hofmann eher erfreuen: Er steht nicht für einen Kuschelkurs. Umso erstaunlicher war die Klatsche, die ihm gestern ein Teil der rund 480 Delegierten bei der Wiederwahl verpasste: Obwohl er keinen Gegenkandidaten hatte, stimmten nur 71 Prozent für den Schwaben, und dabei waren die ungewöhnlich vielen Enthaltungen gar nicht berücksichtigt. Bei seiner ersten Wahl vor vier Jahren hatte er noch 91 Prozent bekommen.

So begann das große Rätselraten über den Grund. Es gab nämlich keine öffentliche Kritik. Am Vortag, bei der Diskussion über seinen Rechenschaftsbericht, kam nur eine kritische Stimme zu seinem Alter: Im Dezember wird der Diplom-Ökonom 64. Hält er die volle vierjährige Amtszeit durch, ist er fast 68. Dabei hat gerade die IG Metall die Anhebung der Altersgrenze auf 67 Jahre vehement bekämpft. Auf die Kritik ging Hofmann mit keinem Wort ein – vielleicht ein Fehler.

Oder wollen manche Christiane Benner schneller als Vorsitzende? Die 51-jährige Soziologin ist seit vier Jahren Hofmanns Stellvertreterin, erstaunlich für die männerdominierte IG Metall. Sie wurde mit 87 Prozent im Amt bestätigt, ein fast so gutes Ergebnis wie 2015. Ob sie tatsächlich in vier Jahren die erste IG-Metall-Vorsitzende wird, bleibt spannend, auch wenn es eigentlich die eherne Regel gibt, dass der Vize neuer Chef wird.

Gab es unter ostdeutschen Delegierten Missstimmung, weil gerade erneut der Versuch gescheitert ist, endlich auch die 35-Stunden-Woche einzuführen? Auf absehbare Zeit müssen die Metaller dort drei Stunden länger arbeiten. Oder geht manchem die Transformation in Deutschlands größter Industriebranche zu schnell? „Wir können nicht allein an Besitzständen festhalten, wir müssen uns der Herausforderung der Gestaltung offensiv stellen“, erklärte sich Hofmann selbst das enttäuschende Ergebnis.

Alle vier Jahre trifft sich das oberste Beschlussgremium der Industriegewerkschaft Metall. In diesem Jahr sind die Zeiten besonders stürmisch. Dafür sorgen nicht nur heftige Angriffe der Arbeitgeber, sondern auch der konjunkturelle Abschwung und der massive Strukturwandel, in dem insbesondere die Automobilindustrie steckt. Zu Digitalisierung und Globalisierung kommt das große Thema Umwelt und Klima. Allein durch die Elektromobilität drohen in Deutschlands Paradebranche bis 2030 234 000 Jobs wegzufallen. Im Gegenzug dürften nur 109 000 Stellen in Entwicklung und Produktion von Elektroautos entstehen, schätzt das Center Automotive Research der Uni Duisburg-Essen.

Hofmann bemüht sich, die Mitglieder einzubinden. So ergab eine Umfrage unter Betriebsräten den Eindruck, dass die Arbeitgeber die Transformation verschlafen. Viele seien „offensichtlich im Blindflug unterwegs“, beklagte er. Wenn  man ihn  hört, muss die Gewerkschaft die Betriebe erst zu Innovationen treiben. Dazu hat sie jede Menge Konzepte entwickelt. Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger weist das weit von sich: Der IG Metall gehe es nur um mehr Mitbestimmung.

Rund 2,3 Millionen Mitglieder hat die IG Metall, und die Zahl steigt seit einiger Zeit leicht. In diesem Jahr seien bereits 85 000 neue gewonnen worden, verkündete  Hofmann in Nürnberg stolz. Was er nicht erwähnte: Die Gewerkschaft braucht jedes Jahr allein 120 000 neue Mitglieder, um Austritte und Todesfälle auszugleichen.

Dass die IG Metall schon heute Probleme hat, Arbeitnehmer anzusprechen, zeigt der Blick auf die Beschäftigung in der Branche: Sie ist allein in den letzten vier Jahren um rund fünf Prozent gestiegen und hat erstmals die Vier-Millionen-Grenze übersprungen. Die Gewerkschaft konnte in dieser Zeit die Mitgliederzahl nur halten – von wegen Zuwachs. Zieht man die Rentner ab, ist nicht einmal jeder zweite Beschäftigte Gewerkschaftsmitglied.

Egal wer an der Spitze steht, er oder sie muss sich mit den Arbeitgebern zusammenraufen. Die viel beschworene Sozialpartnerschaft mit der IG Metall steht schwer unter Druck, wenn Dulger in Interviews beklagt, die Flächentarifverträge regelten mittlerweile so viel und sie seien so kompliziert, dass vor allem kleine und mittlere Firmen damit nicht mehr zurechtkämen. Das führe zum Abwandern zu „OT-Verbänden“, also ohne Tarif, die sich nur an Teile der Vereinbarungen halten. „Es gibt keinen Exodus aus dem Tarifvertrag“, konterte der Stuttgarter Bezirksleiter Roman Zitzelsberger gegenüber unserer Zeitung. „Teile der Arbeitgeberverbände reden ihn nur schlecht.“

Vor der nächsten Tarifrunde im Frühjahr ist also die Atmosphäre ziemlich schlecht. Die IG Metall sieht sich gut gerüstet, schon weil die Streikkasse prall voll ist. „Am Geld wird keine Auseinandersetzung scheitern“, drohte Hauptkassierer Jürgen Kerner den Arbeitgebern. Wie viel auf der hohen Kante liegt, ist sein wohl gehütetes Geheimnis. Es dürften Milliarden sein.

 Die IG Metall ist eine reiche Gewerkschaft, im Gegensatz etwa zur Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Allein in den letzten vier Jahren wanderten 334 Millionen Euro auf die hohe Kante. Da waren die 32 Millionen Euro, die Warnstreiks im vergangenen Jahr kosteten, fast schon aus der Portokasse bezahlt.