Egon Bahr kann sich noch gut erinnern. Es war im Februar 1970, als ihn der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko in Moskau beim Kaffee fragte: Wann muss man damit rechnen, dass Europa mit einer Stimme spricht? "Wiedervorlage in 20 Jahren", entgegnete Bahr - und wurde dafür in Bonn als Defätist beschimpft. Das Ziel ist bis heute nicht erreicht, weder politisch noch wirtschaftlich. "Doch in der Rückschau auf die letzten 60 Jahre kann der Ost-Ausschuss mit einigem Stolz sagen, er hat in dieser Zeit weniger Fehler gemacht als die Politik."

Das Lob kommt aus berufenem Munde und zum richtigen Zeitpunkt. Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft feiert in diesen Tagen seinen 60. Geburtstag. Die älteste Regionalinitiative der deutschen Wirtschaft wurde 1952 mitten im Kalten Krieg von Unternehmern und Verbänden gegründet, um Brücken über den Eisernen Vorhang zu bauen und den Weg für eine Normalisierung der Beziehungen zu bereiten. Bis heute, da sich das östliche Europa zum wichtigsten Wachstumsmarkt der deutschen Exportwirtschaft entwickelt hat, gilt der Ost-Ausschuss als Mittler und Motor zwischen Ost und West.

Das war nicht immer so. Kanzler Konrad Adenauer sah die Aktivitäten des Ausschusses - anfangs getragen vom Bundesverband der Deutschen Industrie und dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag - zunächst so kritisch, dass er sogar die erste Reise in die Sowjetunion blockierte. Doch die Unternehmer ließen sich nicht beirren. "Es gab damals weder deutsche Wirtschaftsvertreter in den Staaten des Warschauer Paktes noch Handelsverträge. Es ging darum, Wissen und Kontakte aufzubauen, Ressourcen zu bündeln und mit einer Stimme der Wirtschaft zu sprechen", sagt der heutige Vorsitzende Eckhard Cordes. Das Vertrauen wuchs schnell, noch in den 50er-Jahren verhandelte der Ost-Ausschuss in Abstimmung mit der Bundesregierung erste Handelsabkommen mit Rumänien, China und der Sowjetunion.

Unter Otto Wolff von Amerongen, der von 1955 an für 45 Jahre an der Spitze stand, wurde Schritt für Schritt Vertrauen in der Sowjetunion und anderen Ländern Osteuropas aufgebaut. "Wandel durch Handel", hieß das Leitmotiv, das in den 70er-Jahren von Willy Brandt unter dem Motto "Wandel durch Annäherung" politisch fortgesetzt wurde.

Seit dem Fall der Mauer setzt sich der Ost-Ausschuss - heute getragen von fünf großen Wirtschaftsverbänden und mehr als 170 Unternehmen - für die EU-Osterweiterung und die Anbindung der früheren Sowjetrepubliken und Südosteuropas ein. Es geht um die Abschaffung von Zoll- und Visa-Schranken, gemeinsame Normen, den Kampf gegen Protektionismus. Inzwischen gehen mehr als 15 Prozent der deutschen Exporte in diese Region, sie ist damit als Absatzmarkt wichtiger als die USA, China, Indien, Japan und Brasilien zusammen.

"Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft ist in dieser Landschaft ein seltener Solitär: Die Regierungen kommen und gehen, der Ost-Ausschuss bleibt bestehen", sagt Bahr. Eine Frage hat er noch offengelassen. Inwiefern hat der Ost-Ausschuss weniger Fehler als die Politik gemacht? Die Initiative müsse nicht in Legislaturperioden denken, sagt der 90-Jährige. Also weniger politische Rücksichten nehmen. Das weiß die Politik durchaus zu schätzen.