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| 10:45 Uhr

Frankfurt
Türkische Lira büßt für Erdogans Politik

Frankfurt. Die Währung hat wegen der schlechten Wirtschaftspolitik des Landes deutlich an Wert verloren. In seiner Hilflosigkeit ruft der Präsident seine Landsleute dazu auf, ihre Euro- und Dollar-Bestände in Lira zu tauschen. Brigitte Scholtes

Die türkische Lira hat sich nach ihrem Absturz der letzten Wochen wieder etwas erholt. Sie legte zunächst bis zu drei Prozent gegenüber Dollar und Euro zu, der Kurs bröckelte dann jedoch wieder etwas ab. Zuvor hatte die türkische Notenbank entschieden, ihre Geldpolitik zu vereinfachen. Sie wählte nun wieder den Hauptzinssatz für einwöchiges Zentralbankgeld als Leitzins, den auch andere Notenbanken weltweit nutzen. Zuvor hatte sie den sogenannten "Spätausleihungszinssatz" verwendet, doch das machte ihre Geldpolitik für die Finanzmärkte intransparent.

Damit ist der Verfall der türkischen Währung vorerst gestoppt. Seit Jahresbeginn hatte die Lira gegenüber dem Dollar und dem Euro mehr als 20 Prozent an Wert verloren. Am Samstag hatte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan an seine Landsleute appelliert, sie sollten die Dollar und Euro unter ihren Kopfkissen in Lira umtauschen: "Wir werden zusammen dieses Komplott vereiteln", sagte er. Ein solcher Appell an das Nationalgefühl sei nicht selten in solchen Krisen, hat Ulrich Leuchtmann, Devisenexperte der Commerzbank, beobachtet. Da werde die Schuld gern ausländischen Spekulanten oder Rating-Agenturen gegeben.

Doch die eigentlichen Gründe für die Lira-Schwäche sieht er in der bisherigen "unkonventionellen" Geldpolitik. Denn Erdogan ist trotz der hohen Inflation in der Türkei gegen höhere Zinsen, mit denen die anderen Notenbanken dagegen angehen. Er plädierte stattdessen für Zinssenkungen - bis in der vergangenen Woche die türkische Notenbank ihren "Spätausleihungssatz" anhob. "Das aber war ein viel zu geringer Schritt", kritisiert Leuchtmann, "da hätte man die Märkte mit einer deutlicheren Anhebung überraschen müssen." Deshalb verpuffte diese Aktion auch schnell. Außerdem sind die Finanzmärkte misstrauisch: Sie fürchten, dass Erdogan nach einem möglichen Wahlsieg am 24. Juni noch stärkeren Einfluss auf die Geldpolitik nehmen könnte - mit weiteren "unkonventionellen" Rezepten.

Je schwächer aber eine Währung, desto schwieriger wird es für die Wirtschaft: Importe werden teurer, Exporte werden billiger und bringen den türkischen Unternehmen weniger Einnahmen. Die aber sind mit netto 220 Milliarden Dollar verschuldet. Zahlen sie diese zurück, wird der Kapitaldienst für sie immer teurer, wenn sie ihre Einnahmen in Lira verbuchen. Der Staat hält nur geringe Devisenreserven. Insgesamt liegen die türkischen Auslandsschulden mit 450 Milliarden Dollar bei der Hälfte des türkischen Bruttoinlandsprodukts.

Lange Jahre waren ausländische Investoren in das Land gekommen, die aber zeigen sich wegen der Krise stark verunsichert. "Es wird letztlich entscheidend sein, ob die türkische Regierung und die türkische Zentralbank den Markt davon überzeugen können, dass die Türkei weiterhin ein attraktiver Platz für ausländisches Kapital ist", glaubt deshalb auch Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank. Die kleinen Beträge, die die türkischen Haushalte vielleicht "unter dem Kopfkissen" hätten, seien vom Volumen nicht entscheidend. Allerdings könnte es dennoch helfen, den Investoren ein besseres Gefühl zu geben, meint der Devisenexperte und verweist auf das Verhalten der Südkoreaner in der Asienkrise der neunziger Jahre. Damals hatten die ihre Goldbestände der Zentralbank übertragen, die dadurch ihre Goldreserven aufstocken konnte: "Da war das Entscheidende, dass der Markt sah, dass die südkoreanische Gesellschaft insgesamt bereit war, gewissen Schmerz hinzunehmen, um aus der Krise wieder rauszukommen." Diese Nachricht habe der Finanzmarkt positiv aufgenommen, das habe deshalb dazu beigetragen, die Krise in Südkorea abebben zu lassen.