Wie bekannt die Marke "Halberstädter" ist, zeigt sich daran, dass es kurz nach der Wende zunächst einen Streit um die Nutzung des Labels gab. Mehrere Firmen wollten gerne "Halberstädter Würstchen" verkaufen. Doch nur ein Unternehmer setzte sich durch: Ulrich Nitsch kaufte 1992 die alten Betriebsstätten in Halberstadt von der Treuhand auf. Er allein konnte gewährleisten, dass die Würstchen gemäß der Tradition in Buchenholzkaminen über offenem Feuer geräuchert werden und so ihren rauchigen Geschmack erhalten.

Obwohl Ulrich Nitsch in den Folgejahren mehr als 30 Millionen Euro investierte, ist der große, bundesweite Durchbruch auf dem Markt ausgeblieben. Inzwischen hat seine Tochter Silke Erdmann-Nitsch die Geschäftsleitung gemeinsam mit ihrem Bruder Stefan Nitsch übernommen. Und sie stehen vor großen Herausforderungen. Bei Würstchen im Naturdarm ist das Unternehmen zwar mit einem Marktanteil von 30 Prozent im Osten Marktführer, liegt bundesweit auf Rang sechs, doch sowohl die Marktstrukturen als auch die Geschmäcker verändern sich.

"Vor 16 Jahren haben wir unsere Produkte noch an 80 Händler geliefert", erzählt Erdmann-Nitsch. Mittlerweile gebe es mit Rewe, Edeka, Metro, Lidl und Aldi nur noch fünf Großkunden. Die Handelsketten sind über die Jahre zu Riesen herangewachsen, die den Markt dominieren. "Wenn man sich mit einem der Handelspartner verkracht und ihm keine Ware mehr liefern darf, dann kann man das finanziell nicht mehr so leicht wegstecken wie früher." Die Handelsketten besitzen nunmehr auch eigene Fabriken, die Wurst- und Fleischwaren herstellen. Lediglich Randartikel kaufen sie noch dazu. "Wenn wir nichts Einzigartiges hätten, wären wir austauschbar, denn billig auf Masse produzieren kann heute jeder."

Und damit nicht genug, auch der Fleischverzehr geht zurück. "In den 80er-Jahren waren mehr als 80 Prozent der Produkte auf dem typischen Frühstückstisch Wurstwaren - mittlerweile beträgt ihr Anteil nur noch 50 Prozent", erklärt Erdmann-Nitsch. Halberstädter spüre die Entwicklung über die Absatzzahlen. Um für Handelsketten und Verbraucher attraktiv zu bleiben und die 200 Arbeitsplätze zu sichern, betreibt die Firmenchefin schon länger eine Produktoffensive. Das Unternehmen verkauft neben Wurst- und Fleischkonserven inzwischen auch Suppen, Eintöpfe und Fertiggerichte.

Um Verbraucher anzusprechen, die sich lieber fleischlos ernähren, hat das Unternehmen in diesem Jahr vegetarische Brotaufstriche auf den Markt gebracht. "Der Mann ist und bleibt die größte fleischfressende Pflanze auf der Welt, aber wir wollen auch jungen Frauen etwas bieten, die heutzutage weniger Fleisch essen", so Erdmann-Nitsch. Im Herbst sollen vegetarische Soßen und Suppen folgen.

Der Idee mit den vegetarischen Produkten stand auch Vater Ulrich Nitsch offen gegenüber. "Bei uns gab es allerdings eine lange Diskussion darüber, ob es richtig war, für die Produkte eine eigene Marke zu schaffen." Ulrich Nitsch hätte die Brotaufstriche lieber unter der Marke Halberstädter vertrieben, doch seine Tochter hat sich durchgesetzt und verkauft die Suppen und Brotaufstriche nun unter der Marke "halvega". "So irritieren wir nicht unsere Kunden, und bislang gibt mir der Handel auch recht."

Zum Thema:
Mit den neuen vegetarischen Produkten liegt das Unternehmen im Trend. Die Fastfood-Kette McDonalds hat vor Kurzem erst die Angebotspalette um vegetarische Produkte erweitert, und Deutschlands größter Wursthersteller, Rügenwalder Mühle, bietet inzwischen sogar verschiedene Variationen fleischloser Wurst an.