Am Anfang ist es vielleicht eine Tasse, dazu eine Teekanne. Die braucht ein wärmendes Stövchen. Vielleicht noch Eierbecher mit Salz- und Pfefferstreuer - und schon hat Liebhaber getöpferter Keramik die Sammelleidenschaft gepackt. Die „warmzuhalten“ , darin ist Udo Hirche ein Meister. Dabei setzt er nicht auf filigrane Kunstwerke, sondern, wie er selbst sagt, auf „Gebrauchskeramik“ , die bis zum Margarinebecher-Behälter oder Hackepeterschwein reicht. Hirches Produkte sollen den gedeckten Tisch verschönern und dennoch praktisch sein.
Praktisch und bodenständig ist auch des Meisters Selbstbild. „Ich bin Handwerker, kein Künstler“ , sagt er aus tiefster Überzeugung. Dabei klopft er seine vom Ton weiß-staubige Hose ab und rückt burschikos die weiß besprenkelte Mütze zurecht. Die Füße stecken in Pantoffeln, deren Originalfarbe wegen der Tonflecken kaum noch zu erkennen ist.
Getrocknete und frische Reste des Arbeitsmaterials sind auch überall in der Werkstatt zu finden. Die besteht aus einer Vielzahl miteinander verbundener Räume. Überall ist zu erkennen, dass hier gearbeitet wird: Tonwaren trocknen in Regalen und warten auf das Brennen. Gießformen stapeln sich. Auf einer Töpferscheibe klebt eine noch unfertige Vase. In einem anderen Raum dekoriert eine Malerin mit feinen, geübten Pinselstrichen die Keramik mit dem Familienmuster. Das zierte einst eine Vase, die Udo Hirches Vater - der ebenfalls Töpfer war - von seinem Meister zur Hochzeit geschenkt bekam. Nostalgie keimt beim Betrachter auf.
Für die hat Udo Hirche keine Zeit. Zügig führt er Besucher durch die Werkstatt. Die Arbeit wartet. Zwar ist der Töpfer sein eigener Chef und schätzt die Freiheit der Selbstständigkeit, „doch wenn ich mir mitten am Tag eine Auszeit genehmige, habe ich schnell ein schlechtes Gewissen“ , gibt er zu. In der Werkstatt produzieren er und einer der zwei Söhne wie in einer Fabrik - „im Schnitt zwölf Stunden täglich“ , sagt der 50-Jährige. Er spricht schnell, lächelt kaum. Es ist nicht seine Art, viele Worte zu machen.

„Ton lebt, bis zum Schluss“
Entspannter wirkt Hirche, wenn er den geschäftlichen Druck beiseite schiebt und von seinem Beruf spricht. Von der Spannung, wenn er die gebrannte Ware aus dem Ofen holt, von der Freude, wenn etwas gut gelungen ist. „Töpfern ist erlernbar, aber nicht jeder ist geeignet“ , sagt er. Vorstellungsvermögen und geschickte Hände brauche ein Töpfer. Und er muss den Ton beherrschen. Denn, „Ton lebt, bis zum Schluss“ . Das hat Udo Hirche bereits als Jugendlicher von seinem Vater gelernt - Töpfern als Lebens einstellung. Sein Vater arbeitete bis er 80 Jahre alt war in der Werkstatt mit. Ein Bild des Verstorbenen hängt im Laden. „Er ist immer gegenwärtig“ , sagt Udo Hirche. Er schätzt die Erfahrung seines Vaters, denn „Erfahrung ist mehr als Meisterehr'“ , zitiert Hirche einen Spruch. Das macht er häufig. Er selbst bereut seine Berufswahl nicht, würde sich wieder so entscheiden. Auch wenn Töpfer, wie der Meister sagt, aussterbende Exoten sind.

Vielseitige Vertriebswege
Um den Bestand des Familienbetriebes zu sichern, nutzen Udo Hirche und sein Sohn verschiedene Vertriebswege. Das war zu DDR-Zeiten anders. „Da war das Material knapp, aber die Kunden standen Schlange“ , wie Hirche sagt. Heute sind die Familienmitglieder getrennt auf Märkten unterwegs. Auf dem heimischen Hof gibt es einen Laden. Daneben wirbt Udo Hirche mit Faltbroschüren sowie auf einer eigenen Internetseite für seine Produkte. Gern würde er nur in seiner Werkstatt arbeiten. Doch um seine Keramik zu verkaufen, muss der Meister auch Händler und Buchhalter sein. „Richtig abschalten kann ich nur beim Angeln“ , gibt er zu. Und bei dem Gedanken an sein Hobby huscht zum ersten Mal ein richtiges Lächeln über sein Gesicht.

Vorschau Neue RUNDSCHAU-Serie
 Wie Handwerker sich in den selteneren alten Berufen behaupten, welche Sorgen und Freuden sie haben und wie sich ihr Beruf verändert hat, darüber wird die RUNDSCHAU in loser Folge berichten. In Teil 3 stellen wir einen Autosattler vor.