Von Thomas Veitinger, Dieter Keller
und Matthias Huckert

Pauschalreisen sind manchmal ganz schön anstrengend. Das spürten schon am 5. Juli 1841 die 485 Abstinenzler am Bahnhof von Leicester, die nach Loughborough mit der Bahn fuhren. Nur einer der Waggons hatte Sitzplätze und ein Dach, in den übrigen standen die Passagiere unter freiem Himmel – darunter eine Blaskapelle. 178 Jahre nach seiner ersten Pauschalreise ist Thomas Cook nun pleite. Das betrifft mehr Reisende als in der Gründerzeit: Allein mit der deutschen Thomas Cook sind aktuell 140 000 Gäste unterwegs, insgesamt sollen es mehr als 600 000 Urlauber sein. Noch fliegt das deutsche Tochterunternehmen Condor. Und Töchter wie Öger Tours oder Bucher Reisen sind ebenfalls nicht insolvent. Doch ihre Zukunft ist unsicher.

Ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums bestätigte, dass Condor einen staatlich garantierten Überbrückungskredit beantragt hat, der mit Hochdruck geprüft werde. Zu Höhe und Zeitplan wollte er nichts sagen. In Branchenkreisen ist von 200 Millionen Euro die Rede. Das wäre mehr als bei der 2018 insolvent gegangenen Fluggesellschaft Air Berlin, die ihre 150 Millionen Euro erst vor Kurzem vollständig zurückgezahlt hat. Eine Entscheidung soll bei Condor angeblich am morgigen Mittwoch fallen. Allerdings muss wegen des Beihilferechts auch die EU-Kommission zustimmen, was zwei Wochen dauern könnte. Das könnte zu lange sein für Condor.

An den Flughäfen und Urlaubsorten spielen sich derweil dramatische Szenen ab. In einem Luxushotel bei Trier durften Gäste ihr Zimmer nicht beziehen, weil die Kosten nicht bezahlt waren. Anderenorts sollen Urlauber am Verlassen ihres Hotels gehindert worden sein. Reiserechtler empfehlen, Kontakt zum Reiseleiter vor Ort aufzunehmen.

Flitterwochen und Geburtstagsreisen platzen wegen der Pleite. In London, Mallorca, Kos oder Frankfurt gibt es lange Schlangen, ratlose Reisende und geschlossene Check-in-Schalter. Condor fliegt zwar Reisende zurück in die Heimatländer, nicht aber in die gebuchten Urlaubsdomizile. Das bekam gestern auch Patrick Korn zu spüren, der mit seiner Freundin von Stuttgart aus in den einwöchigen Kroatien-Urlaub fliegen wollte. Beide wurden per SMS von Thomas Cook darüber informiert, dass der Flug storniert wird: „Für uns ist das beschissen. Wenn wir wenigstens unser Geld zurückbekommen, wäre das ein kleiner Trost.“

Die deutsche Reisebranche sorgt sich wegen des drohenden Ausfalls von Condor. Die Gesellschaft, die mit Gewinn arbeitet, hat einen erheblichen Anteil am Markt von Charterflügen auch auf Langstrecken, der sich nicht so einfach ersetzen ließe. Veranstalter müssten ihre Gäste teilweise auf verfügbare Strecken und Ziele umbuchen. Viele Arbeitsplätze sind gefährdet. Für den Tourismus-Experten Alexander Dingeldey von der Hochschule Ravensburg gibt es viele Gründe für die Insolvenz. „In der Branche gibt es Kampfpreise. Das ist gut für die Urlauber. Bei Thomas Cook fehlte das Geld aber, um Kredite zurückzuzahlen.“ Wohin die Reise gehe, sei unsicher.