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| 01:02 Uhr

Telekom-Mitarbeiter sind empört

Milliardengewinne und massiver Stellenabbau – diese Kombination sorgt in diesen Tagen bei vielen Mitarbeitern der Deutschen Telekom für Unmut. 32 000 Mitarbeiter sollen in den kommenden drei Jahren das Unternehmen verlassen. Von Peter Lessmann

"Wir sind besorgt nicht nur um unsere Arbeitsplätze, sondern auch um die künftige Servicequalität des Unternehmens", sagte ein Gewerkschafter und Telekom-Mitarbeiter vor der Bonner Konzernzentrale. Wie hier folgten gestern bundesweit viele Beschäftigte dem Aufruf der Dienstleistungsgewerkschaft verdi, anlässlich der Präsentation der Geschäftszahlen ihren Unmut gegen die Sparpläne des Vorstands zu äußern.
"Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht", erklärte Vorstandschef Kai-Uwe Ricke gleichzeitig drinnen im Saal. Und mehrfach wiederholte er den Satz: "Wir müssen jetzt handeln, um die Telekom zukunftssicher zu machen". Worauf er anspielte, sind die dramatischen Umbrüche in der gesamten Branche: Die Wettbewerber, die der Telekom im Festnetzgeschäft Marktanteile abnehmen, die zunehmende Verdrängung des Festnetzes durch den Mobilfunk, die weiterhin harte Regulierung des Marktführers und technologische Entwicklungen wie die Internettelefonie, Breitband- und Glasfasernetze.
Dabei gehört Ricke keineswegs zu den eiskalten Sanierern, denen es nur um den Kapitalmarkt und um Rendite geht. Doch er kann sich den Forderungen der Geldgeber nicht entziehen: "Ich bin entschlossen, so viele Mitarbeiter im Konzern zu beschäftigten, wie es betriebswirtschaftlich möglich ist", beteuerte er gestern. Aber den Regeln der Betriebswirtschaft und des Wettbewerbs müsse auch die Telekom folgen.
Von den 32 000 betroffenen Telekom-Mitarbeitern soll tatsächlich kein einziger entlassen werden. Umsetzen wollen Ricke und Personalvorstand Heinz Klinkhammer die Abbaupläne durch den Einsatz freiwilliger Instrumente wie Altersteilzeit, Vorruhestand und Abfindungen. Hierfür wurde immerhin eine Summe von 3,3 Milliarden Euro bereitgestellt. "In der T-Com gibt es ein strukturelles Problem", umschreibt Klinkhammer die Lage der Sparte, die einst für die klassische Sprachtelefonie stand. Es gebe dort immer weniger Arbeit. Und in der gesamten Deutschen Telekom AG sei jeder zweite Beschäftigte ein Beamter.
Der Personalchef ist trotz der Empörung der Gewerkschafter zuversichtlich: "Ich gehe davon aus, dass es keinen Arbeitskampf geben wird". Doch ob die jetzt anstehenden Gespräche so spannungsfrei laufen werden, ist zweifelhaft. Eine Delegation von Betriebsräten der Telekom in Nordrhein-Westfalen überreichte dem Personalchef gestern ein Protestschreiben. Niemand sei in der Lage, die Stellenabbaupläne nachzuvollziehen, hieß es darin. Und verdi-Vorstandsmitglied Franz Treml, der auch stellvertretender Aufsichtsratschef der Telekom ist, forderte den Vorstand auf, den Menschen wieder dorthin zu rücken, wohin er gehöre - in die erste Reihe.
"Wir haben eine verteufelte Entwicklung hinter uns", sagt Klinkhammer mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre. Von den 222 000 Telekom-Beschäftigten Anfang 1995 - damals hauptsächlich im Festnetzbereich - mussten bis heute fast die Hälfte das Unternehmen verlassen. Weitere 26 000 wurden in andere Töchter versetzt. Es wurden aber auch rund 50 000 neue Stellen geschaffen. Weitere 80 000 kamen durch Zukäufe hinzu.

Hintergrund Zuwachs im Mobilfunk
 In den ersten neun Monaten 2005 kletterte der Telekom- Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 3,6 Prozent auf 44,2 Milliarden Euro . Während der Konzern im Festnetz massiv Anschlüsse an die Konkurrenz verliert, legt der Mobilfunk vor allem in den USA rasant zu: Im Festnetz und Breitbandgeschäft sanken die Umsätze im Neun-Monats-Vergleich um 3,8 Prozent, im Mobilfunk kletterten sie um 8,9 Prozent. Der Gewinn stieg auf 4,4 Milliarden Euro . Im Vorjahreszeitraum stand hier noch ein Minus von 150 Millionen Euro. In den nächsten Jahren will die Telekom aggressiv wachsen und nimmt dafür auch einen kurzfristigen Gewinneinbruch in Kauf. Mit 1,2 Milliarden Euro Investitionen in neue Tarife und in Werbung allein 2006 will der Konzern den Umsatz ankurbeln. (AFP/rb)