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| 18:25 Uhr

Pipeline-Bau
Tauwetter zwischen Moskau und Berlin

 Lange Leitung: Ein Mitarbeiter prüft tonnenschwere Rohre für die zukünftige Ostsee-Erdgastrasse Nord Stream 2 auf einem Lagerplatz im Hafen von Mukran.
Lange Leitung: Ein Mitarbeiter prüft tonnenschwere Rohre für die zukünftige Ostsee-Erdgastrasse Nord Stream 2 auf einem Lagerplatz im Hafen von Mukran. FOTO: dpa / Jens Büttner
Berlin. Politisch war lange Eiszeit zwischen Moskau und Berlin. Ein Treffen in Berlin offenbarte jedoch: Durch die globalen Handelskonflikte und Nord Stream 2 rücken die Wirtschaftsbeziehungen in ein neues Licht. Von Igor Steinle

Beim Blick zurück wird der deutschen Wirtschaft ganz blumig zumute. „Bei der ersten Russland-Konferenz 2013 wuchsen die Bäume der Träume in den Himmel“, erinnert sich Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer beim Deutschen Industrie- und Handelstag (DIHK). Nur ein Jahr später tobte der Ukraine-Konflikt, und die beiden Länder gingen auf Distanz, hochrangige Politiker blieben der Konferenz fern. Dieses Tal scheint durchschritten: Bei der sechsten Auflage des Wirtschaftstreffens am Donnerstag in Berlin ging es wieder hochkarätig zu. Die Unternehmen wittern Morgenluft.

„Die Zeiten der Sprachlosigkeit waren viel zu lange“, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Er sprach sich für einen „neuen Anlauf“ in den deutsch-russischen Beziehungen aus. In Russland gebe es große Bereitschaft, die ausgestreckte Hand anzunehmen, ist Altmaiers Eindruck.

Zwar klang Russlands Präsident Wladimir Putin wenig versöhnlich, als er tags zuvor androhte, Raketen gegen Europa zu richten, sollten hier gegen Russland gerichtete Waffensysteme stationiert werden. Zumindest Wirtschaftsminister Maxim Oreschkin betonte in Berlin jedoch, es gehe nun darum, Schritt für Schritt Vertrauen aufzubauen. Er warb dafür, dass deutsche Firmen, die in Russland aktiv sind, auch im Land bleiben.

Aktuell sorgen laut DIHK 450 deutsche Firmen für etwa 27 000 Arbeitsplätze in Russland. Ein Viertel der Unternehmen aus der Bundesrepublik hat das Land jedoch seit Beginn der Sanktionen 2014 verlassen. Den verbliebenen machen ein gesunkener Ölpreis, Währungsrisiken und staatliche Regulierung das Leben schwer.

Den Hindernissen zum Trotz ist Russland immer noch viertgrößter Handelspartner der EU – mit Luft nach oben. So betonte Altmaier, dass der Dialog auch deswegen wichtig sei, weil das wirtschaftliche Potenzial im deutsch-russischen Handel nicht mal ansatzweise ausgeschöpft sei.

Die Russen registrieren dabei aufmerksam, dass Europa und Amerika sich zunehmend entfremden. „Wir beobachten weltweit, dass Vertrauen generell schwindet, auch zwischen Partnern, die sich ihrer sicher waren“, sagte Oreschkin. Zudem falle der amerikanisch-chinesische Handelsstreit ebenfalls vor allem zulasten Europas aus, dessen „Opfer“ die EU sei.

Dabei belastete vor allem ein deutsch-russisches Projekt in den vergangenen Monaten die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA wie auch das Verhältnis zur EU: die Erdgaspipeline Nord Stream 2. Der Chef der deutsch-russischen Außenhandelskammer Rainer Seele pochte nochmal auf die Bedeutung der Röhre: „Die Versorgung mit kostengünstigem Pipelinegas ist eine wesentliche Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie.“

Um 16 Prozent würden die Großhandelspreise für Erdgas durch Nord Stream sinken, schreibt der DIHK in einem neuen Positionspapier und fordert eine rasche Umsetzung des Projekts. Es komme nicht nur der Wirtschaft, sondern Haushalten in ganz Europa zugute, so der Verband.