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| 19:56 Uhr

Folgen des Strukturwandels
Umzugsprämien und Abfindungen für die Lausitz

 Umzugsprämien und Abfindungen. Geld allein wird die Lausitzer nicht glücklich machen können.
Umzugsprämien und Abfindungen. Geld allein wird die Lausitzer nicht glücklich machen können. FOTO: DC / M. Behnke
Halle. Wirtschaftswissenschaftler der Leibniz-Gemeinschaft aus Halle haben die Folgen eines beschleunigten Kohleausstiegs für die betroffenen Reviere untersucht. Ihr Zukunftsszenario für die wirtschaftlichen Perspektiven gerade in der Lausitz klingt wie eine historische Vorlage aus dem Jahr 1996. Von Jan Siegel

„Umzugsprämien“ und „Abfindungsorgien“, diese Begriffe wecken in der Lausitz böse Erinnerungen. Schon einmal, als in den 1990er-Jahren die Wirtschaftsstruktur in Ostdeutschland kollabierte, hatte die Politik gegen horrende  Arbeitslosenzahlen Geld für Umzüge bezahlt. Tausende Arbeitskräfte kehrten damals auf der Suche nach Beschäftigung auch der Lausitz den Rücken. Die Folgen sind noch heute spürbar in einer überdurchschnittlich alternden Region, der die gewachsene Generationenmischung abhanden gekommen ist.

Die Ergebnisse einer aktuellen Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) lassen die alten und bis heute umstrittenen Lenkungsinstrumente wieder auftauchen. Bei der Untersuchung geht es um die unmittelbaren Folgen eines schnellen Kohleausstiegs für die betroffenen Regionen.

Beschleunigter Ausstieg

Prof. Dr. Oliver Holtemöller, stellvertretender Präsident und Leiter der Abteilung Makroökonomik am IWH, hat dabei mit seinem Team untersucht, was aus Ökonomensicht auch in der Lausitz zu erwarten ist, wenn Deutschland bis zum Jahr 2035 aus der Braunkohle aussteigen würde. In ihrer Studie vergleichen die Ökonomen das schnelle Ausstiegs-Szenario mit der Situation, die entstünde, wenn die genehmigten Revierkonzepte zu Ende geführt würden.

Angewendet haben die Wissenschaftler ein theoretisches Modell, das Preiseffekte, Wanderungsverhalten und staatliche Transfers durch die Arbeitslosenversicherung berücksichtigt.

Sinkende Löhne im Revier

Während die Braunkohlewirtschaft in Gesamtdeutschland mit rund 20 000 direkt Beschäftigten wirtschaftlich eine eher untergeordnete Rolle spiele, sei ihre Bedeutung in den betroffenen Revieren enorm. Die Wissenschaftler gehen dabei von einem durchschnittlichen Jahresbruttogehalt von 68 000 Euro in den Bergbauunternehmen aus. Einbezogen sind dabei auch die Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitgeber.

Die IWH-Studie kommt zu dem Schluss, dass der Ausstieg aus der Braunkohle den Durch­schnittslohn in den unmittelbar betroffenen Regionen Rheinland, Mittel­deutschland und Lausitz spürbar mindern würde. Da vom Braunkohle-Aus auch Zulieferer betroffen wären und die regionalen Einkommen insgesamt nach­lassen, dürfte das Arbeitnehmerentgelt im Endjahr der wissenschaftlichen Projektion (2040) in Ge­samtdeutschland um 4,2 Milliarden Euro geringer ausfallen als ohne einen be­schleunigten Kohleausstieg, heißt es in der Interpretation der Studie. Die Zahl der Erwerbstätigen sinkt laut IWH demnach bis 2040 durch den schnelleren Ausstieg deutschlandweit um 16 000 Personen.

Neue Abwanderungswelle?

Strukturbrüche, die die Ministerpräsidenten aus Brandenburg und Sachsen nach eigenen Aussagen unbedingt verhindern wollen, sind nach Ansicht der Wissenschaftler „unvermeidbar“, wenn die Kohleverstromung beendet wird.

Mit dem Wegfall eines ganzen Hochlohnsektors in den betroffenen Regionen, würde nicht nur die Ver­handlungsposition der Arbeitnehmer bei Tarifabschlüssen verschlechtern. Gleichzeitig drohe eine Abwanderung. Vor allem Jüngere und gut Qualifizierte würden wohl schnell andernorts eine Beschäftigung finden. Die Lausitz wäre davon nach Ansicht der Wissenschaftler besonders betroffen. „Die Untersuchung deutet darauf hin, dass etwa 2500 Personen diese Re­gion arbeitsplatzbedingt verlassen könnten.

Zudem sinkt der durchschnittliche Brutto­lohn bis 2040 in der Lausitz am stärksten. Darüber hinaus wird die Arbeitslosigkeit dort zumindest vorübergehend steigen – in der Modellprojektion um 1,1 Prozent­punkte und damit so stark wie in keiner anderen Braunkohleregion“, beschreiben die Wissenschaftler aus Halle das drohende Szenario.

Strukturwandel dauert lange

„Gesamtwirtschaftlich gesehen kann sich Deutschland einen schnelleren Ausstieg aus der Braunkohleverstromung leisten“, sagt der Autor der Studie Prof. Oliver Holtemöller. „Aber die regio­nalen Effekte sind durchaus beachtlich.“ Es sei insbesondere nicht davon auszu­gehen, dass in der Lausitz oder den anderen unmittelbar betroffenen Regionen durch staatliche Maßnahmen schnell neue Arbeitsplätze geschaffen werden könnten. Letztlich werde sich ein Strukturwandel über längere Zeit hinziehen und könne vor allem durch gute Rahmen­bedingungen für Pendler und für die Gründung neuer privater Unternehmen abge­federt werden.

Für die Menschen in den betroffenen Regionen seien Kompensa­tionen notwendig, etwa in Form von Abfindungen oder Umzugsbeihilfen.