Die deutschen Stromnetze befinden sich wegen massiver Verzögerungen beim Bau neuer Leitungen am Limit. Sie entwickeln sich zur Achillesferse bei der Energiewende – dies geht aus dem Monitoringbericht 2011 der Bundesnetzagentur hervor. Von 24 besonders eilbedürftigen Ausbauprojekten im Stromnetzbereich sind zwölf deutlich verzögert. Erst 214 Kilometer von 1807 besonders dringend benötigten Kilometern seien bisher fertiggestellt.

Auch Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck hält den Netzausbau für unverzichtbar. In einem Gespräch mit der RUNDSCHAU hatte der SPD-Politiker erklärt: „Wir stehen bei den Fragen des Netzausbaus und der Speicherung von Wind- und Solarstrom noch ganz am Anfang.“

Dabei ist der Zeitverzug schon jetzt enorm. Er liegt teilweise bei bis zu vier Jahren, heißt es im Bericht der Bundesnetzagentur. „Das weiterhin bestehende, hohe Niveau der Versorgungssicherheit mit Elektrizität kann zukünftig nur durch massive Investitionen auf allen Netzebenen gewährleistet werden“, wird betont. Aus Sicht der Bundesnetzagentur ist der Neubau der Leitungen dringend geboten. Die bestehenden Netze seien „durch die Vielzahl der in den letzten Jahren zu erfüllenden Transportaufgaben und die Veränderung der Erzeugungsstruktur am Rand der Belastbarkeit angekommen“.

Das Netz in Deutschland steckt noch im Atomzeitalter, der Fokus liegt auf Großkraftwerken. Diese stehen vor allem in der Nähe von Ballungszentren. Heute wird aber auch vor der Küste oder auf der grünen Wiese Strom produziert, was mehr Flexibilität erfordert. Gerade zwischen Norden und Süden fehlen Stromautobahnen, um künftig Windstrom von der Küste in den Süden zu transportieren, wo große Atomstromkapazitäten wegfallen werden.

Nach Schätzung der Deutschen Energie-Agentur sind bis zu 4450 Kilometer neue Stromautobahnen bis zum Jahr 2020 notwendig, etwa um Windstrom, der vor den Küsten produziert wird, in den Süden zu bekommen. Experten betonen, es gehe auch mit weniger, wenn mehr Windräder im Süden aufgestellt werden, also dort, wo bisher mehr als die Hälfte des Stroms aus Atomkraftwerken kam. Mit einer besseren Steuerung der Lasten und der Verstärkung bestehender Trassen könnte der Ausbaubedarf ebenfalls gemindert werden. So oder so gibt es einen massiven Bedarf an neuen Verteilnetzen, also Leitungen der unteren Spannungsebenen, um überall produzierten Ökostrom zu verteilen. Wenn aber überschüssiger Ökostrom verstärkt gespeichert werden kann, dürfte dies das Netz entlasten, weil dann nicht mehr plötzlich viel Ökostrom in das strapazierte Netz hineinströmt. Insgesamt umfasst das deutsche Stromnetz mit allen Ebenen zusammen rund 1,7 Millionen Kilometer.