Christiane Pfuhl ist gut organisiert. Sie hat eine Mappe vor sich auf dem Tisch aufgeschlagen, aus der sie immer wieder Zettel hervorzaubert. Vorbereitung ist alles. Das weiß die erfahrene Managerin. Dreizehn Jahre lang war sie Personalleiterin unter anderem bei der Cottbuser Bauplanungsgesellschaft Arcus. Heute ist die energische Geschäftsfrau selbstständig und arbeitet für das IHK-Mentorenprogramm, das Ausbildungsneulingen unter den Betrieben kostenlos Starthilfe gibt.
Zu ihnen gehört der Software-Entwickler SBS Datensysteme GmbH aus Cottbus. Das Kleinunternehmen mit neun Mitarbeitern hat im vergangenen Jahr zum ersten Mal einen IT-Systemkaufmann-Lehrling eingestellt. Firmenchef Hans-Jürgen Schmidt: „Ohne das Programm wäre uns diese Entscheidung bedeutend schwerer gefallen.“ Der Grund ist einfach und spiegelt sich in den meisten Lausitzer Unternehmen wider: „Wir sind alle massiv mit dem Tagesgeschäft eingedeckt, da bleibt einfach keine Zeit für den ganzen administrativen Aufwand, der mit der Einstellung eines Lehrlings einhergeht“ , erklärt Schmidt. „Außerdem fehlt uns schlichtweg die Erfahrung.“
Die hat Christiane Pfuhl zuhauf. Auf ihrem Tisch ist nicht nur der Stapel Bewerbungen gelandet, aus dem sie anhand der SBS-Kriterien eine Vorauswahl traf. Sie arbeitete außerdem den Ausbildungsvertrag aus, erstellte den betrieblichen Ausbildungsplan, suchte eine Berufsschule aus, legte einen Jahresplan für den Betrieb und den Lehrling an und erarbeitete einen Fragenkatalog für die Bewerbungsgespräche, die sie auch gemeinsam mit Schmidt führte. Am Ende fiel die Wahl auf einen Studienabbrecher. „Ein absoluter Glücksgriff“ , sagt SBS-Chef Schmidt heute. Nach dieser positiven Erfahrung und dem „vertrauensvollen Verhältnis“ zur Mentorin, nimmt das Unternehmen das Know-how der Personalerin auch in diesem Jahr wieder in Anspruch. Diesmal sucht die Firma einen Fachinformatiker-Lehrling.

Mit fünf Mentoren angefangen
Das Mentorenprogramm hat die IHK Cottbus 2006 ins Leben gerufen. Etwas Vergleichbares gibt es in Deutschland nur noch in Frankfurt am Main. „Wir sind mit einer kleinen Mannschaft von fünf Mentoren an den Start gegangen“ , sagt Anke Schuldt, Leiterin Aus- und Weiterbildung in der IHK. Mittlerweile beteiligen sich neun Fachleute an dem Programm. Anstoß für das Angebot sei die immer wieder gehörte Aussage gewesen, dass viele Betriebe einen Lehrling nehmen würden, „wenn sie einen vor die Tür gestellt bekämen“ , wie Schuldt erzählt. „Allein der Behördenaufwand, der mit der Ausbildung zusammenhängt, schreckt ab.“ So bilden von den rund 40 000 Mitgliedsbetrieben der IHK Cottbus nur rund 1500 Firmen aus. Sie stellen jährlich zwischen 700 und 800 Lehrlingen ein.

Keine Entspannung in Sicht
Insgesamt werden in diesem Jahr in Südbrandenburg 2249 Ausbildungsplätze angeboten. „Davon sind derzeit noch rund 1000 Stellen offen“ , sagt Hans-Joachim Zain, Leiter der Berufsberatung in der Cottbuser Arbeitsagentur. Das seien mehr als in den Vorjahren zu diesem Zeitpunkt und bestätige einen Trend: „Die Betriebe lassen sich immer mehr Zeit mit dem Unterzeichnen der Ausbildungsverträge.“ Ein Grund könnten die schlechten Leistungen vieler Bewerber sein, sagt Zain. „Denn das beobachten wir auch verstärkt: Die Anforderungen der Betriebe und die Voraussetzungen, die die Jugendlichen mitbringen, klaffen immer weiter auseinander.“ Mittlerweile werde die Lehrstellenvermittlung deshalb auch in die Nachbarregionen ausgeweitet, erklärt der Cottbuser Berufsberater. Dazu gehörten neben Riesa und Oschatz auch Weißwasser und Hoyerswerda. In Ostsachsen sind laut Alexander Ulbricht, Sprecher der Bautzener Arbeitsagentur, von den 1113 gemeldeten Ausbildungsplätzen 769 noch immer unbesetzt.
Ein Problem, dass das schwache Leistungsniveau ebenfalls widerspiegelt, ist die wachsende Zahl der Altbewerber. Das sind Jugendliche, deren Schulabschluss länger zurückliegt. „Mittlerweile kommt nur noch ein Drittel der Lehrstellensuchenden aus dem aktuellen Jahrgang, 60 Prozent sind Altbewerber“ , sagt Zain. In Ostsachsen liegt dieser Wert Ulbricht zufolge bei 49 Prozent. Damit ist trotz Geburtenknicks in den kommenden Jahren keine Entspannung auf dem Lehrstellenmarkt in Sicht.

Zum Thema Tipps und Informationen rund um Beruf und Lehre
Bewerbungstipps: Die Bewerbungen sollten immer individuell sein und keine Allrounder, wo nur die Anschrift geändert wird, sagt die Personalerin Christiane Pfuhl. Deshalb sollte in dem Anschreiben unbedingt auf die Anforderungen des Unternehmens eingegangen werden. Formulierungen wie „Ich bin pünktlich und zuverlässig“ seien überflüssig, denn das erwarte ein Betrieb schlichtweg von jedem Mitarbeiter. Ein K.o.-Kriterium sind Pfuhl zufolge unentschuldigte Tage im Zeugnis. „Die Bewerbung fliegt gleich vom Stapel.“ Im Bewerbungsgespräch sollte der Jugendliche zeigen, dass er das Unternehmen kennt und weiß, was ihn in der Ausbildung erwartet. Er sollte sich auf die Frage gefasst machen, warum er sich ausgerechnet auf diese Stelle bewirbt, seine Stärken und Schwächen kennen und „Ausreißer“ auf dem Zeugnis erklären können.
Umfassende Informationen rund um Beruf und Ausbildung gibt es unter www.berufsorientierung-brandenburg.de.
Eine Ausbildungsplatzbörse findet am 9. Juni von zehn bis 14 Uhr in der Bautzener Arbeitsagentur statt.