ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 12:32 Uhr

Münster als neuer Standort
Ist der Osten nicht exzellent und reich genug für Batteriezellen-Forschung?

 So soll die neue Forschungsfabrik für Batteriezellen in Münster künftig aussehen. Insgesamt 700 Euro werden in das Vorhaben fließen.
So soll die neue Forschungsfabrik für Batteriezellen in Münster künftig aussehen. Insgesamt 700 Euro werden in das Vorhaben fließen. FOTO: MWIDE NRW/Artur Krause/Artvisu / Artur Krause/Artvisu
Cottbus. Eine Entscheidung für den Osten als neuen Standort für eine Batteriezellen-Forschungsfabrik wäre ein besonders starkes politisches Signal gewesen. Was hinter der 500-Millionen-Euro-Entscheidung steckt, die Forschung in Münster anzusiedeln. Von Jan Siegel

Der Frust sitzt tief. Nach der Entscheidung von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU), eine Batterie-Forschungsfabrik in ihrer Heimatregion Münster (Nordrhein-Westfalen) anzusiedeln, ist ein veritabler Sturm der Entrüstung darüber aufgezogen. Der stramme Gegenwind kommt nicht nur aus den Bundesländern mit unterlegenen Standorten, sondern auch von der in Berlin mitregierenden SPD. Dabei sind die Interessenlagen durchaus sehr unterschiedlich.

Einen regelrechten Wutbrief hatten die Ministerpräsidenten von Bayern (Markus Söder, CSU), Baden-Württemberg (Winfried Kretschmann, Grüne) und Niedersachsen (Stephan Weil, SPD) nach der Vergabeentscheidung an Bundeskanzlerin Angela Merkel geschrieben.

Die „Landesfürsten“ kämpfen naturgemäß für Standorte in ihren Ländern, die in dem Vergabeverfahren unberücksichtigt blieben. Sehr gute Chancen hatte sich beispielsweise das baden-württembergische Ulm ausgerechnet. Dort ist nach der Entscheidung für das westfälische Münster die Enttäuschung besonders groß.

Noch zwei Tage vor Bekanntgabe der Vergabeentscheidung war öffentlich über die Favoritenrolle Ulms in dem Verfahren bei der entscheidenden Gründungskommission berichtet worden. Eine Sprecherin des Stuttgarter Wirtschaftsministeriums „begrüßte“ schon am Donnerstag die noch nicht getroffene Entscheidung und zeigte sich in der Südwest Presse „überzeugt davon, dass der Standort Ulm ideal ist“.

Keine öffentliche Ausschreibung

 Heimatverbunden: Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) kommt aus der Region um Münster.
Heimatverbunden: Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) kommt aus der Region um Münster. FOTO: dpa / Bernd von Jutrczenka

Bei der Suche nach dem vermeintlich idealen Standort für eine Forschungsfabrik zur Zellenproduktion hatte es vor einigen Monaten keine öffentliche Ausschreibung gegeben. Vielmehr waren vom Ministerium sechs Bundesländer mit sehr starken Batterieforschungsstandorten direkt angeschrieben worden. „Dabei ging es ausschließlich um die Frage, welches Konzept für die Batterieforschung in Deutschland den höchsten Grad an Exzellenz aufweist und welches Konzept den breitesten Nutzen für die Wirtschaft bringt“, verteidigt Anja Karliczek ihr Vorgehen gegenüber der RUNDSCHAU.

Die deutsche Industrie habe in den zurückliegenden Jahren in Bezug auf die Zellenforschung sehr lange gezögert. Jetzt müsse Deutschland möglichst schnell aufholen. Karliczek: „Wir brauchen eine große nationale Kraftanstrengung für eine moderne Batterietechnologie, um verlorenen Boden im internationalen Wettbewerb gutmachen und Weltspitze bei der Entwicklung und Nutzung dieser Technologie werden zu können.“

Einladung an sechs auserwählte Bundesländer

Zur Aufholjagd eingeladen worden waren daher neben Münster und Ulm Forschungseinrichtungen in Itzehoe (Schleswig-Holstein), Augsburg (Bayern), Salzgitter/Braunschweig (Niedersachsen) und Dresden (Sachsen). Überall dort existieren Universitäten und Institute, die bei der Batterieforschung weltweit bereits in der ersten Liga spielen. In Sachsen hat dabei neben der Technischen Universität in der Landeshauptstadt vor allem das Fraunhofer Institut für keramische Technologien (IKTS) einen international klangvollen Namen.

Obwohl es auch an der kleinen BTU Cottbus-Senftenberg honorige Wissenschaftler gibt, die sehr erfolgreich an Einzelprojekten der Batterie-Spitzenforschung mitarbeiten, hätte die Lausitzer Uni in dieser „Elefantenrunde der Batterieforschung“ wohl kaum eine Chance gehabt, ernsthaft mitzureden. „Wir haben keinen Forschungsstandort, der in diesem Bereich forscht“, räumte in dieser Woche Brandenburgs Wissenschaftsministerin Martina Münch (SPD) ein.

 Batteriezellen, wie sie aktuell verwendet werden kommen zum größten Teil aus Asien. In China und Südkorea werden sie in weitgehend automatisierten Fabriken produziert.
Batteriezellen, wie sie aktuell verwendet werden kommen zum größten Teil aus Asien. In China und Südkorea werden sie in weitgehend automatisierten Fabriken produziert. FOTO: BTU Cottbus-Senftenberg / BTU Cottbus Senftenberg

Eine Entscheidung für Dresden aber wäre nach dem beschlossenen Kohleausstieg und dem damit drohenden Strukturbruch in der Lausitz ein deutliches Unterstützungs-Signal gewesen. Als interessante Möglichkeit erscheint dabei eine länderübergreifende Zusammenarbeit der Wissenschaftler in Dresden und der Lausitz beispielsweise mit der BASF in Schwarzheide, die angekündigt hatte, großflächig in die Produktion von Kathoden-Material für Batteriezellen einsteigen zu wollen. Es hätte die BASF-Entscheidung, die bisher noch nicht vorliegt, sogar deutlich erleichtert.

Gleichzeitig gibt es abbauwürdige Lithium-Vorkommen im nahen Erzgebirge in der Nähe von Zinnwald. Das Bundesforschungsministerium aber argumentiert, dass Deutschland einfach die Zeit fehle zu derartigen Experimenten in einem Reallabor Lausitz.

Hat das Geld eine Rolle gespielt?

Allein 500 Millionen Euro will das Bundesforschungsministerium rund um die Batterieforschungsfabrik zur Verfügung stellen. Vor der Standortentscheidung aber war in den zurückliegenden Wochen eine regelrechte Millionenschlacht um die Fabrik zwischen den Bundesländern entbrannt.

Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen hatte allein aus ihrer Kasse zusätzlich 200 Millionen Euro für die Forschungsfabrik in Aussicht gestellt. Dazu bot NRW zur Unterstützungen für Firmengründungen aus Hochschulen weitere bis zu 150 Millionen Euro in den nächsten fünf Jahren an. Und als wäre das nicht genug, hieß es aus der Düsseldorfer Staatskanzlei: „Hinzu kommen Zusagen in Höhe von 7,5 Millionen Euro der Kommunen“.

Baden-Württemberg hatte für die Forschungsfabrik 185 Millionen Euro zugesagt. Nach Aussagen aus Stuttgart hätten außerdem 40 Absichtserklärungen von Unternehmen vorgelegen, sich mit Zusagen von über 50 Millionen Euro an dem Projekt zu beteiligen. In Ulm standen ein Grundstück und Gebäude bereit. Zudem hat rund 90 Kilometer nördlich in Ellwangen der größte deutsche Batteriezellenhersteller Varta seinen Sitz. An der Ulmer Forschungsfabrik hätten sich nach Angaben aus Stuttgart außerdem das Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung (ZSW), das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und das Helmholtz-Institut Ulm beteiligt.

Der Freistaat Sachsen war bereit, die Batterieforschungsfabrik mit bis zu 100 Millionen Euro zu unterstützen, hatte die Staatskanzlei im Vorfeld der Vergabeentscheidung mitgeteilt. Auch in Großröhrsdorf, im Landkreis Bautzen, stünde ein moderner, bezugsfertiger Gebäudekomplex für die Fabrik zur Verfügung.Die Auflistung macht deutlich, mit welche „Bandagen“ alle beteiligten Länder in den zurückliegenden Wochen um die lukrative Forschungs-Einrichtung gekämpft hatten.

Politischer Streit ausgebrochen

Die inzwischen verkündete Entscheidung über die Ansiedlung der Forschungsfabrik in Münster ist inzwischen aber nicht mehr nur eine Arena für die beteiligten Länder und ihre Ministerpräsidenten. Inzwischen hat sich im Vorfeld der Landtagswahlen in Brandenburg ein politischer Streit zwischen CDU und SPD um die Vergabe entwickelt.

Ingo Senftleben, Landesvorsitzender der Brandenburger CDU und Spitzenkandidat seiner Partei für die Landtagswahl, warf seinem SPD-Kontrahenten Dietmar Woidke vor, dass sich Brandenburg ja gar nicht um die Förderung einer Batteriefabrik beworben habe. „Wer keinen Lottoschein abgibt, kann auch keinen Jackpot knacken“, schimpfte Senftleben. Er sieht die Schuldigen daher vor allem in der Rot-roten Landesregierung, nicht bei Bundesforschungsministerin der CDU.

Kretschmer hofft auf stille Wiedergutmachung

Ganz anders die Reaktion in Sachsen: Dort hat sich Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) bisher möglicherweise deshalb nicht lautstark über die Vergabe nach Münster beschwert, um die angeschlagene Bundesforschungsministerin Anja Karliczek aus der eigenen Partei nicht weiter unter Druck zu setzen. Vielleicht hofft Kretschmer – mit einiger Bauernschläue – auf eine „stille Wiedergutmachung aus Berlin“ auf einem anderen Förderfeld.

Die Ost-SPD geht dagegen in die Offensive gegen die CDU-Ministerin. Der Vorsitzende der Landesgruppe Ost in der SPD-Bundestagsfraktion Frank Junge hat am Dienstag einen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel geschickt und eine Überprüfung der Standortentscheidung gefördert. Darin erinnert Junge die Kanzlerin an die „Verpflichtung der Bundesregierung, neue Zukunftsinstitute in Ostdeutschland anzusiedeln“.

Großröhrsdorf, zwischen Dresden und Bautzen, sei eine echte Alternative, heißt es in dem Brief an Merkel. „Hier entwickelt das Fraunhofer-Institut keramische Batterien. Ein moderner, bezugsfertiger Gebäudekomplex steht bereits zur Verfügung.“ Und außerdem sei die Bewerbung Dresdens von Sachsen, Brandenburg und Thüringen unterstützt worden.