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| 08:13 Uhr

Musik-Streamingdienst
Spotify - ein Börsengang mit Seltenheitswert

Düsseldorf. Der Musik-Streamingdienst ist gestern am Aktienmarkt gestartet. Der erste Kurs lag mit fast 166 Euro deutlich über den Erwartungen. Georg Winters

Als Spotify vor zwei Jahren gemeinsam mit dem Marktforschungsinstitut TNS Research den eigenen Bekanntheitsgrad testete, kam heraus: Mehr als 67 Prozent aller Befragten kannten den schwedischen Musik-Streamingdienst. In der Kernzielgruppe der 15- bis 34-Jährigen waren es sogar mehr als 87 Prozent. Wer Kinder im Teenager-Alter hat, ist womöglich längst selbst infiziert und liebäugelt mit einem Kauf der Aktie.

Wer das tut, dem könnte der Start gestern ein positives Gefühl vermittelt haben. Der Kurs pendelte dreieinhalb Stunden nach dem Start in New York oberhalb der 160-Dollar-Grenze - fast ein Viertel mehr als der Preis, den die Verantwortlichen der New York Stock Exchange (Nyse) als Referenzpreis festgelegt hatten. Den Preis aus Angebot und Nachfrage zu berechnen, hatte allerdings mehrere Stunden gedauert - eine von mehreren Besonderheiten bei diesem vielbeachteten Börsengang, der als Direktplatzierung eine Premiere an der Wall Street war.

Was steckt dahinter? Anders als bei vielen anderen Börsengängen gab es kein sogenanntes Bookbuilding-Verfahren, bei dem interessierte Investoren innerhalb einer bestimmten Zeichnungsfrist in einer vorgegebenen Preisspanne für Aktien bieten können. Am Ende der Frist wird dann entschieden, welche Bieter die zu emittierenden Wertpapiere zu welchem Preis erhalten. Dieser Prozess wird in der Regel von großen Banken organisiert, die auch noch die Roadshow für ihren Kunden organisieren und im Bedarfsfall mit Aktienkäufen den Kurs stützen, falls der in die Knie zu gehen droht. Die Spotify-Macher haben auf eine solche Roadshow verzichtet, mit der man Börsenkandidaten einer breiten Öffentlichkeit vorführt. Durch derlei Werbe-Askese spart man Geld.

Vorteil: Das Risiko ist für den Börsenneuling kleiner, weil es schon einen Aktienkurs vor der Erstnotierung gibt. Nachteil: Die Investmentbanker verlangen vor dem Start eine Stange Geld für ihre Unterstützung. Einen einstelligen Prozentsatz vom Verkaufserlös müssten Börsenneulinge an Kosten kalkulieren, sagen Experten. Natürlich sind die dem schwedischen Newcomer nicht komplett erspart geblieben. Was die Banken im Vorfeld auch machen, nämlich den Prospekt miterstellen, müssen in Fällen wie Spotify Anwaltskanzleien leisten. Die arbeiten ja auch nicht unentgeltlich.

Das Kursrisiko liegt beim sogenannten "Direct Listing" beim Neuling selbst. Niemand kann im Vorfeld sagen, wo sich am ersten Handelstag Angebot und Nachfrage einpendeln. Auch das hat Spotify-Chef Daniel Ek wohl auch im Kopf gehabt, als er einräumte: "Ich habe keine Zweifel daran, dass es Aufs und Abs geben wird." Um das Risiko allzu starker Kursausschläge abzumildern, hatte die Führung der Wall Street bei 132 Dollar einen Referenzkurs festgelegt, der Anlegern als Orientierung für den möglichen Wert der Spotify-Aktie dienen sollte. 132 Dollar je Aktie sind gleichbedeutend mit einem veranschlagten Unternehmenswert von 23 Milliarden Dollar (knapp 18,7 Milliarden Euro). Der tatsächliche Firmenwert lag dann gestern Abend bei fast 28 Milliarden Dollar. Das bestärkt jene, denen langfristig fast alles, was mit digitaler Welt zu tun hat, als börsentauglich gilt. Irrtum natürlich nicht ausgeschlossen. Erst recht nicht, wenn man bedenkt, dass Spotify anders als der Video-Streamingdienst Netflix, dessen Aktie ein Börsenliebling ist, im Börsenprospekt schon selbst auf die Euphoriebremse getreten ist: "Wir sind von Lizenzen Dritter für Musikaufnahmen und Kompositionen abhängig, und eine ungünstige Veränderung, ein Verlust oder ein Widerruf dieser Lizenzen könnte unser Geschäft, unseren Gewinn und unsere Liquidität negativ beeinflussen." Auch das sollten Anleger bedenken, ehe sie sich von digitaler Begeisterung die Sinne komplett vernebeln lassen.