Es ist ein Tag kurz vor Pfingsten in diesem Frühjahr. Auf dem Platz vor der Marienkirche am Berliner Fernsehturm haben sich Hunderte Menschen versammelt und beobachten gespannt, wie ein großer Kran die alte Aufhängung (Joch) einer drei Tonnen schweren Glocke aus dem Turm hievt und dann eine neue hineinschwenkt.

"Das war eine aufwendige Aktion, es wurde sogar die Straße gesperrt", erinnert sich Holger Bittner, Sohn des Firmeninhabers Horst Bittner. Vor allem aber bedurfte es einer innovativen Technologie, weil die Glocke nach ihrem Lösen aus dem Joch nicht auf dem Holzboden abgestellt werden konnte. Denn drei Tonnen Last hätte der nicht vertragen.

Die Neuenhagener montierten eine Stahlkonstruktion, mit der sie die Glocke schwebend aufnehmen und an Gewindestangen im Turm herabkurbeln konnten. So schufen sie Raum für den Einbau des neuen Jochs, zu dem die Glocke dann wieder hochgeschraubt wurde. Der Austausch war erforderlich, weil die Firma Monate zuvor bei einer routinemäßigen Inspektion einen Riss in der alten Aufhängung entdeckt hatte. Geläut und Uhr der Marienkirche werden von den Bittners regelmäßig gewartet.

Das Unternehmen, bestehend aus dem Chef und vier Mitarbeitern, besitzt Serviceverträge mit rund 400 Kirchen, vor allem in Brandenburg und Berlin, Sachsen und Sachsen-Anhalt, einige aber auch in Hamburg, Frankfurt am Main und Stuttgart.

In der Lausitz sind die Bittners regelmäßig tätig. Schon in den 1990er-Jahren habe das Unternehmen Glockenstuhl und Uhr der Klettwitzer Kirche komplett erneuert und den Zeitmesser mit einem elektronischen Antrieb versehen, berichtet Holger Bittner. Auch Kirchen in Großrä schen und Plessa befinden sich unter den Referenzen.

Der Junior hat seine Ausbildung in der Turmuhrenfabrik Calw im nördlichen Schwarzwald absolviert und ist in der Lage, alte mechanische Antriebe zu reparieren. In der Regel werden sie jedoch durch elektronische ersetzt, denn in den meisten Gemeinden gibt es niemanden mehr, der eine mechanische Turmuhr aufzieht und nachstellt.

Schon Temperaturunterschiede beeinflussen die Genauigkeit einer mechanischen Turmuhr. Bei Kälte wird das Öl in den Messinglagern zähflüssig und verlangsamt den Lauf. Mechanische Uhrwerke besitzen deshalb eine Stellschraube zur Regulierung ihrer Taktgeschwindigkeit.

Bei den Glocken-Antrieben hat die Elektrizität schon lange Einzug gehalten. Der Beruf des Glöckners ist hierzulande ausgestorben. Selbst wenn eine Kirche keine Turmuhr besitzt, neue Antriebe fürs Geläut arbeiten heutzutage funkuhrgesteuert.

Die Firma entstand 1986. Aber bereits in den 1970er-Jahren war ihr Gründer, der Mechanikermeister Horst Büttner, Kirchtürme emporgestiegen. In Metallberufen groß geworden, reparierte er in einem volkseigenen Betrieb unter anderem Kräne, half als Katholik aber auch aus, wenn bei Instandsetzungen am Geläut Not am Mann war.

Heute ist seine Firma gleichermaßen auf alle Metall-, Holz-, Elektro- und Malerarbeiten spezialisiert, die in Kirch- und Rathaustürmen bei Jochen, Glockenstühlen sowie den Antrieben für Geläut und Uhr anfallen. Und sie stellt etwas ganz Besonderes dar: Glocken-Bittner realisiert für sich im Kleinen, was die Wirtschaft im Großen gern hätte - die Vereinigung von Berlin und Brandenburg. Der Handwerksbetrieb hat Sitz und Büro in Berlin-Hellersdorf, die Werkstatt aber in Neuenhagen.

70 Prozent der Arbeiten entfallen auf den Glockenbereich, der Rest betrifft Uhren. Viele Erneuerungen gelten Metallkonstruktionen aus der Nachkriegszeit. Weil in den 1940er-Jahren Kirchen ihres Geläuts zwecks Einschmelzung für Waffen beraubt wurden, gab es anschließend großen Erneuerungsbedarf.

Aus Mangel an Material und Geld seien damals vor allem Glocken aus Eisenhartguss und Stahl zum Einsatz gekommen, erzählt Holger Bittner. Deren Stahl aufhängungen wurden genietet und sind oft an diesen Verbindungsstellen mittlerweile brüchig. Neue Joche werden geschweißt.

Aber es kommen, nicht nur bei Reparaturen, auch zunehmend Joche und Glockenstühle aus Eichenholz zur Anwendung, weil wieder mehr Bronzeglocken eingebaut werden. Deren schönerer Klang kann sich in einer den Ton mit beeinflussenden Stahlaufhängung nicht voll entfalten. Holzjoche seien außerdem langlebiger, sagt Bittner. Ihre Haltbarkeit liege häufig bei mehr als 200 Jahren, während Stahlkonstruktionen schneller ermüdeten, es manchmal gerade auf 50 Jahre brächten.

Bei den Glocken selbst, sofern sie aus Stahl bestehen, gibt es einen weiteren Nachteil: Sie müssen außen mit einer Spezialfarbe, die auch im Brückenbau Verwendung findet, gestrichen werden. Sonst kommt es im Material zu Rissbildungen, die Glocke kann springen. In Rostock-Bentschwig, wo die Neuenhagener gerade die Aufhängungen und Antriebe zweier Stahlglocken erneuern, gehört solch ein Anstrich zum Auftragsumfang. In Zusammenarbeit mit Sachverständigen erarbeiten die Bittners auch Klanganalysen. Diese werden zum Beispiel notwendig, wenn ein Geläut erweitert werden soll und es um die Frage geht, in welcher Tonlage eine neue Glocke erklingen muss, damit sie zu den bereits vorhandenen passt.