Seit 1976 arbeitet die Förderbrücke im Tagebau Jänschwalde rund um die Uhr. Etwa neun Millionen Tonnen Rohbraunkohle kratzen die Bagger dort in jedem Jahr aus der Lausitzer Erde. Zurück bleiben zunächst trostlose Kippenflächen und oft ein tiefes graubraunes Loch. Biotope? Fehlanzeige.

"Bergbau nimmt Land in Anspruch und lässt zeitgleich neues Land entstehen", sagt Franziska Uhlig-May. Sie ist die Leiterin des Fachbereiches für Rekultivierung beim Energieunternehmen Vattenfall in der Lausitz. Dem Abbau der Braunkohle folge stets das Rekultivieren der Bergbaufolgelandschaft, so Franziska Uhlig-May. Und dabei werde nichts dem Zufall überlassen: "Schon im Rahmen der Genehmigung eines Tagebaues wird die zukünftige Bergbaufolgelandschaft beschrieben, also ein Plan erarbeitet, was nach dem Abbau der Kohle auf den ehemaligen Betriebsflächen entstehen soll."

So würden beispielsweise Areale geplant, die dem Naturschutz dienen, Wald- und Landwirtschaftsflächen sowie Wasserbereiche konzipiert, die nach dem Bergbau in die Tat umgesetzt würden. So sollen neu gestaltete Flächen entstehen, die für die Forst- und Landwirtschaft, für den Naturschutz und zur Freizeitgestaltung genutzt werden können.

Nach dem massiven Eingriff in die Natur durch einen Tagebau überlassen die Vattenfall-Rekultivierungsfachleute kaum etwas dem Zufall. So wird ein Großteil der Flächen mit einheimischen Baumarten aufgeforstet. Zentrale Gehölze sind im Süden Brandenburgs natürlich Kiefern, Eichen und auch die Buchen. "Wir versuchen, die neuen Landstriche so zu gestalten, dass sie sich am Charakter der zerstörten Landschaft orientiert", so Franziska Uhlig-May. Gleichzeitig würden die Landwirtschaftsflächen durch ortsansässige Agrarbetriebe bewirtschaftet. "Wir geben die Felder schließlich wieder an die Bauern zurück, die sie damals verloren haben", sagt die Rekultivierungs-Expertin.

Ohne den erneuten Eingriff des Menschen würde auf den entstandenen Kippenflächen nicht mehr viel wachsen - der Boden sei nicht sehr fruchtbar. "Daher fräsen wir zunächst einen Meter tief Kalk in den Boden, um den Pflanzen die besten Wachstumsmöglichkeiten zu schaffen", weiß Franziska Uhlig-May. Wie stark der Boden gekalkt werden müsse, richte sich nach dem konkreten pH-Wert einer Fläche.

Erst dann kann mit der aktiven Begrünung und der Pflanzung begonnen werden. Dafür gibt es unterschiedliche Möglichkeiten: Eine davon, die die Lausitzer Fachleute zur Perfektion entwickelt haben, ist die Mahdgutübertragung. Dazu werden die Wiesen um den Tagebau zunächst zu einer bestimmten Jahreszeit gemäht und das Mahdgut dann auf den Rohboden gestreut. So kommen viele Samen und Organismen auf die Rekultivierungsflächen, die ohnehin in der Region zu Hause waren.

"Bei der Mahdgutübertragung kommt es auch immer wieder zu Überraschungen", so Uhlig-May. So gebe es auf den Flächen des einstigen Tagebaus Jänschwalde inzwischen das größte Vorkommen des Acker-Wachtelweizens in ganz Brandenburg. Diese seltene und gefährdete Pflanzenart sei unter den Samen im Mahdgut gewesen und habe sich auf der neuen Fläche hervorragend entwickeln können.

Als Problem bei dieser Methode der Übertragung von Mahdgut erweist sich die Ergiebigkeit. Um einen Hektar begrünen zu können, müssten die Fachleute etwa fünf Hektar mähen. Daher greifen die Experten auch auf andere Methoden zurück. Mit sortenreinem Saatgut können ganzjährig große Flächen eingesät und die Art der Pflanzen genau ausgesucht werden, die dort künftig wachsen sollen.

Häufig praktiziert wird auch die sogenannte Oberbodenübertragung. Bei dieser Vorgehensweise werden die oberen zehn Zentimeter von Böden in der Region abgetragen und nur fünf davon auf dem Rohboden aufgetragen. So könnten aus einem Hektar zwei gemacht werden. "Auch dabei wachsen später oft Pflanzen, deren Samen zwar im Boden, aber so nicht sichtbar in der Vegetation waren", sagt Franziska Uhlig-May.

Und schließlich würden besonders seltene Lausitzer Arten auch direkt angepflanzt. Auf diese aufwendige Art und Weise fanden zum Beispiel das Katzenpfötchen und die Pfingst-Nelke einen neuen Lebensraum auf der ehemaligen Brachfläche. "Besonders stolz bin ich darauf, dass wir hier sowohl die rosa blühenden weiblichen als auch die weiß blühenden männlichen Katzenpfötchen haben. In anderen Beständen herrscht sonst meist ein Geschlecht vor", freut sich Franziska Uhlig-May.

Dass der Bergbau ein massiver Eingriff in die Lausitzer Kulturlandschaft ist, steht längst außer Frage. Mit der professionellen Rekultivierung schafft der Bergbau aber nicht nur riesige, unansehnliche Löcher in der Erde. Auf diese Weise können manche seltenen und gefährdeten Pflanzenarten auch gerettet und erhalten werden. "So finden Pflanzen einen neuen Lebensraum, von denen mache keinen Platz mehr hätten", ist Franziska Uhlig-May überzeugt.