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| 14:39 Uhr

Interview mit Katrin Rohnstock
„Seine Geschichte ist sein Erleben“

Verlagschefin Katrin Rohnstock und ihr Team haben die Ergebnisse der bisherigen Erzählsalons niedergeschrieben. Von Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) gab es für weitere Projekte eine Finanzspritze.
Verlagschefin Katrin Rohnstock und ihr Team haben die Ergebnisse der bisherigen Erzählsalons niedergeschrieben. Von Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) gab es für weitere Projekte eine Finanzspritze. FOTO: Ch. Tabert
Buch „Chancen der Lausitz“ mit Unternehmergeschichten wird heute in Berlin vorgestellt.

Frau Rohnstock, Sie haben Lausitzer Unternehmer bewegt, ihre Geschichten zu erzählen. Heute kommt Ihr Buch dazu heraus. Wie gehen Sie damit um, wenn einer vom Leder zieht – und in Wirklichkeit pleitegegangen ist?

Rohnstock: Vom Leder hat noch keiner gezogen. Wenn jemand erzählt, ich bin zwar insolvent, aber eigentlich eine große Nummer, weil ich etwas Wichtiges erfunden habe, dann ist das seine Sicht, die für ihn stimmig ist. Meistens machen die Leute sich kleiner als sie sind.

Sind die Lausitzer bescheiden?

Rohnstock: Ja, die Lausitzer sind bescheiden und zurückhaltend. Sie werden sich oft erst durch das Erzählen ihrer Geschichte bewusst, was sie können und bereits geleistet haben.

Wie funktioniert Ihr Erzählsalon?

Rohnstock: Das Format beruht auf der Tradition des Sabbats. Nach dem Gottesdienst trafen sich früher die Juden, aßen, tranken und erzählten, was sie in der Woche erlebt hatten. Es wird nichts kommentiert. Das ist genial.

Wie viel Zeit geben Sie vor?

Rohnstock: Der Erzählsalon dauert zwei Stunden, länger hält die Konzentration nicht. Bei zwölf Anwesenden kann jeder im Durchschnitt zehn Minuten erzählen. Einer fünf, einer 15 Minuten.

Welche Grenzen setzen Sie?

Rohnstock: Es wurde ein Thema vorgegeben: Zum Beispiel: „Wie ich einen Nachfolger fand.“ Dann erzählte jeder Anwesende, entweder, wie ihm das gelang oder wie er bisher vergeblich gesucht hat. Dann können ihm die anderen mit ihrer Geschichte helfen. Ich kann auch erzählen, was mich besonders aufgeregt oder enttäuscht hat. Das heißt, ich lade den Frust ab, ich reinige mich sozusagen. Das gibt es zu wenig in unserer Gesellschaft, weswegen wir meiner Meinung nach auch die AfD haben.

Was ist, wenn die Leute streiten?

Rohnstock: Wenn jemand seine Geschichte erzählt, ist das sein Erleben, seine Wahrnehmung. Die muss ich akzeptieren. Das Einzige, was man anfechten kann, sind falsche Fakten.

Was machen Sie dann?

Rohnstock: Dann frage ich nach.

Dürfen andere Salon-Teilnehmer auch fragen?

Rohnstock: Sie dürfen Verständnisfragen stellen, sonst nichts. Aber eigentlich ist die Salonnière zuständig.

Das sind Sie als Leiterin des Erzählsalons?

Rohnstock: Ich oder eine andere, von uns ausgebildete Salonnièren. Wir stellen die Fragen so, dass die Geschichte vollständig und verständlich wird. Ansonsten lassen wir die Leute so erzählen, wie sie erzählen wollen.

Was lesen Sie aus den Lausitzer Unternehmer-Geschichten?

Rohnstock: Die Lausitzer Unternehmer und Manager sind hoch engagiert, sehr flexibel und enorm pfiffig. Sie denken in alle Richtungen. Wenn jedoch der Auftraggeber wegfällt und es nicht mehr genug Arbeit gibt, dann wird plastisch, welches Risiko im Wandel steckt und welche Anstrengung es für die Unternehmen und ihre Mitarbeiter bedeutet, diesen Wandel hinzubekommen.

Was heißt denn sich wandeln?

Rohnstock: Man muss schauen, ob man ein neues Produkt, ein neues Angebot entwickeln kann oder einen neuen Markt für die bewährten Produkte findet. Das geht nicht von heute auf morgen. Man muss viele Gespräche führen, Neues ausprobieren, neue Kooperationspartner suchen. Es wird unterschätzt, was das für Unternehmer bedeutet.

Worüber müssen Politiker, Verbände und Unternehmer jetzt reden?

Rohnstock: Ich bin keine Wirtschaftspolitikerin. Es wird ja viel getan. Reden müsste man aber beispielsweise über die Folgen der Energiewende. Es braucht dafür neue Unternehmenskonzepte. Sie müssen heute Arbeitsplätze schaffen, und Sie müssen dabei ökologisch sein und sozial. Früher ging es nur ums Geldverdienen. 

Wo sehen Sie Lösungen für die Region?

Rohnstock: Viel Potenzial sehe ich in einer besseren Strategie gegen den Fachkräftemangel. Wie kann ich Leute, die hier leben und arbeiten, qualifizieren? Niemand wird als Unternehmer geboren, man kann Menschen unterstützen, sich dahin zu entwickeln. Wenn man junge Leute und alt gewordene Unternehmer regelmäßig zusammenbringt, könnten mehr Nachfolger für Unternehmen gefunden werden.

Was können Erzählsalons dabei bewirken?

Rohnstock: Jeder Erzählsalon ist wie eine kleine Universität. Man bekommt mit einer Veranstaltung zehn, 15 Beispiele, wie man ein Problem bewältigen kann. Jeder geht anders mit der Situation um, jeder hat schon etwas anderes versucht. Und man kann auch neue Beziehungen knüpfen, wie Christina Grätz.

Das ist eine Botanikerin aus Jänschwalde, die sich mit der Aufzucht von Wildpflanzen zur Renaturierung einstiger Tagebaue selbstständig gemacht hat.

Rohnstock: Sie hat durch den Erzählsalon einen neuen Geschäftspartner und einen Partner für ein Forschungsprojekt gefunden. Das ist das A und O fürs Überleben, dass man Netzwerke und Partnerschaften findet.

Mit Katrin Rohnstock sprach
Oliver Haustein-Teßmer