ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 00:00 Uhr

Schwarze Makkaroni

Ein noch ganz junges Unternehmen aus Massen bei Finsterwalde ist dabei, in einen Markt vorzudringen, der bislang weltweit zwischen ganz wenigen großen Auto-Zulieferkonzernen aufgeteilt war. Die Tube Technologie Systems AG (TTS) produziert erst seit zwei Jahren Bremsleitungen in Serie. Und die Nachfrage wächst. 2003/04 lief bei TTS der Probebetrieb, 2005 wurde erstmals ein ganzes Jahr einschichtig in Serie gefertigt, 2006 kam die zweite Schicht hinzu und für 2007 ist der Dreischichtbetrieb geplant. Dann werden für Volkswagen täglich Bremsleitungen für mehr als 5000 Autos geliefert. Von Rolf Bartonek

Schwarze Makkaroni heben sich farblich scharf ab vor einem peinlich sauberen hellen Umfeld. Dr. Andreas Röher gefällt dieser Begriff. Er ist wie Marian Hamprecht einer der beiden Vorstände von TTS. In der Tat gleichen die auf Länge geschnittenen Bremsleitungen, wenn ihre Enden noch nicht bearbeitet sind, ein wenig der Teigwaren-Delikatesse. Aber es sind Hightech-Produkte, hergestellt mit der weltweit modernsten Technologie.
Bremsleitungen müssen im normalen Fahrbetrieb Drücke von mehr als 150 Bar aushalten. Ausgelegt sind sie aus Sicherheitsgründen für 1500 Bar. Dazu müssen die Stahlrohre doppelwandig gefertigt und weiterbearbeitet werden. Das beherrschen nur wenige. Die Hürden sind in puncto geforderter Qualität und notwendiger Wirtschaftlichkeit des Gesamtprozesses sehr hoch. Die Großen der Branche hatten deshalb seit Jahrzehnten kaum Konkurrenz. Für Europa nennt Röher nur zwei bedeutende Wettbewerber. Das sind die TI Group und Cooper, beides US-Konzerne mit Standorten in vielen Ländern.
Eine erhebliche Hürde stellen auch die umfangreichen und langwierigen Prüfungen dar, die Neueinsteiger auf diesem Markt bestehen müssen, ehe ein Autokonzern zu einer Abnahme seiner Produkte bereit ist. In Massen verging deshalb seit dem Beginn des Probebetriebes 2003 über ein Jahr, ehe allmählich die Serienfertigung starten konnte. Doch nun sind die Hürden genommen, die Zahl der Mitarbeiter ist von sieben auf 43 gestiegen, mit der dritten Schicht 2007 wird die Belegschaft weiter wachsen, wie Röher versichert. Er verweist darauf, dass TTS auch sieben Leute vom stillgelegten Grohe-Werk eingestellt hat.
Aber bevor jemand an die modernen Anlagen darf, wird er dafür umfangreich geschult. TTS hat „als einer der Ersten weltweit“ die Herstellung von Bremsleitungen als kontinuierlich laufenden Prozess realisiert. Verkupfertes Stahlband wird von einer 4000-Meter-Rolle in die Anlage geführt und in mehreren Arbeitsschritten längs zusammengerollt, sodass eine endlos lange doppelwandige Röhre (Tube) entsteht. Das Kupfer wirkt bei der folgenden Erhitzung als Lot, das die Schichten verbindet. Der Abkühlung folgen das Verzinken und eine Passivierung (Schutz) gegen Weißrost. Dann erhält das Rohr die Polyamidummantelung, die es nach dem Zuschneiden auf Länge zu den schwarzen Makkaronis macht. Es folgt die Enden-Bearbeitung, das Aufstecken von Rohrschrauben und das Bördeln - ein Anstauchen der Enden, um die späteren Rohrverbindungen dicht zu bekommen.

Täglich über 5000 VW ausgerüstet
Abnehmer sind die VW-Werke Wolfsburg, Emden und Mosel bei Zwickau sowie das Audi-Werk Ingolstadt. Mit dem Sachsenring-Betrieb in Tröbitz (Elbe-Elster), der vor ein paar Jahren vom Mutterkonzern mit in die Insolvenz gerissen wurde, aber selbst profitabel arbeitet, besteht eine Kooperation in Entwicklung und Produktion. Die für Mosel bestimmten Bremsleitungen erhalten in Tröbitz ihre für den jeweiligen Fahrzeugtyp erforderlichen Biegungen, da das sächsische Autowerk nicht über eine eigene Biegerei verfügt. „Ab 2007 liefern wir täglich die Bremsleitungen für mehr als 5000 Fahrzeuge des VW-Konzerns“ , erklärt Hamprecht. „Jeder neue Golf, Touran, künftig auch jeder Passat und A3 fährt mit unseren Produkten.“
Die Idee zur Herstellung eigener Bremsleitungen stammt noch von Sachsenring. Röher war bis 2001 bei Sachsenring Geschäftsführer des Bereichs Fahrzeugtechnik. Durch die Insolvenz des Autozulieferers konnte die Innovation bei Sachsenring nicht mehr realisiert werden. Es fand sich eine kleine Gruppe von Geschäftsleuten, die 2002 TTS gründete und die Idee umsetzte.

Gerüstet für den Wettbewerb
Den Autokonzernen ist die neue Konkurrenz bei ihren Anbietern durchaus recht. Schließlich können sie preislich nur profitieren, wenn es bei ihren Zulieferern mehr Wettbewerb gibt. Volkswagen ist - über die Zwischenstufe Sachsenring Tröbitz - der erste Konzern, der die Massener Bremsleitungen in größerem Umfang einsetzt. TTS rechnet laut Röher „bald mit weiteren Kunden“ . Aber es dauere bei jedem Autokonzern bis zu zwei Jahre, ehe die Freigabe-Prozedur bestanden ist. TTS sieht sich gerüstet: „Wir haben die modernste Technik, schlanke Strukturen und bieten daher einen günstigen Preis“ , sagt Röher.

Hintergrund Umsatz vervierfacht
Vom starken Aufwärtstrend der Tube Technology Systems zeugt eine Vervierfachung des Umsatzes 2006 auf vier Millionen Euro.
Im kommenden Jahr beginnt TTS mit dem Aufbau einer eigenen Entwicklungsabteilung. Sie soll neue Akzente setzen beispielsweise bei der Oberflächenveredelung und der Gestaltung von Verbindungselementen.