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| 18:23 Uhr

Ende für die Steinkohle
Schicht im Schacht zwingt eine Region zum Wandel

 Ende einer Ära: Die Zufahrt zur Zeche Prosper Haniel und der Förderturm. Heute wird das Steinkohlebergwerk geschlossen.
Ende einer Ära: Die Zufahrt zur Zeche Prosper Haniel und der Förderturm. Heute wird das Steinkohlebergwerk geschlossen. FOTO: dpa / Roland Weihrauch
Bottrop. Heute wird die letzte Steinkohlezeche im Ruhrgebiet geschlossen. Der Landstrich hat viel Licht und Schatten durchlebt – und viele Parallelen zur Lausitz. Von Sebastian Weiermann

Markus Z. könnte einen traurigen Platz in den Geschichtsbüchern einnehmen. Als letzter Toter des deutschen Steinkohlebergbaus. Am Montag starb er bei Demontagearbeiten im Bergwerk Ibbenbüren, das vor zwei Wochen seinen Betrieb eingestellt hatte. Der 29-jährige Industriemechaniker wurde von einer Wettertür eingeklemmt. Der Tod des Bergmanns führt noch einmal die Gefahren des Bergbaus vor Augen, der auch in Deutschland Tausende Tote forderte.

Die Gefahren unter Tage waren es aber nicht, die jetzt zum Ende des Steinkohleabbaus in Deutschland geführt haben. Der Bergbau ist heute eigentlich eine relativ sichere Angelegenheit. Hightech-Maschinen und Sensoren überwachen die Arbeit in den Stollen, die Bergleute sind hochspezialisiert. Aber die deutsche Steinkohle ist im Weltmaßstab zu teuer. Eine Entwicklung, die sich seit Jahrzehnten abzeichnet und die seit 60 Jahren zur Schließung von Zechen im Ruhrgebiet geführt hat.

Prosper Haniel in Bottrop, die Zeche, die als letzte schließt, ist so ein modernes Bergwerk. Sie liegt ganz am nördlichen Rand des Ruhrgebiets, umgeben von einem Wald und Feldern. Wäre da nicht der markante, grüne Förderturm, man könnte die Zeche für einen x-beliebigen Industriebetrieb halten.

Wer das alte Ruhrgebiet sehen will, der muss nach Bottrop selbst fahren, hier am Rande der Innenstadt steht noch ein inzwischen fast 150 Jahre alter Förderturm aus der Anfangszeit des Bergwerks Prosper Haniel, und direkt daran schließt sich das riesige Gelände der Kokerei Prosper an. Dort wird Kohle zum Koks veredelt, den die Stahlindustrie zur Befeuerung ihrer Hochöfen braucht. Wird der Koks gelöscht, dann ist der ganze Himmel voller Dampf. In Zukunft wird hier nur noch Importkohle verarbeitet.

Das Ruhrgebiet hat sich verändert, Kokereien und Großindustrieanlagen prägen längst nicht mehr die Städte. Eine Metropole der Innovation und des Wissens will man heute sein. Dr. Uwe Neumann vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung aus Essen sagt: „Der Wandel geht weiter.“ Das Ruhrgebiet sei heute ein Dienstleistungsstandort.

Der promovierte Wirtschaftsgeograph ist aber der Meinung, dass sich das Ruhrgebiet stärker auf „wissensintensive“ Tätigkeiten einstellen müsse. Im Ruhrgebiet seien allerdings die „internen Unterschiede“ so groß, dass „es schwierig ist, von einem Ruhrgebiet zu sprechen“. Der Norden der Region sei noch stark von der Montanindustrie geprägt, ein großer Teil der Bevölkerung verfüge dort über schlechtere Bildungsabschlüsse.

An anderen Orten sei es anders. Im Essener Süden gebe es ein „bürgerliches Umfeld“, und das Leben unterscheide sich „kaum von Düsseldorf“. Wichtig sei, dass die Städte und Universitäten nun zunehmend miteinander kooperierten. So konnten sich unterschiedliche Wirtschaftsschwerpunkte, die auch teilweise mit der Wissenschaft verflochten sind, herausbilden. In Duisburg mit seinem großen Binnenhafen etwa die Logistik oder in Bochum die IT-Sicherheit, die von der Ruhr-Universität profitiert.

Mona Neubaur, Vorsitzende der nordrhein-westfälischen Grünen, kritisiert allerdings, dass noch zu oft ein „Kirchturmdenken“ vorherrsche. „Auch hat die Fixierung auf große industrielle Strukturen und politisch beeinflusste Konzerne das Revier schon viel zu lange ausgebremst.“, so Neubaur.

Die Grünen-Vorsitzende sieht den Strukturwandel im Ruhrgebiet trotzdem als Vorbild für die Braunkohlereviere im Rheinland und der Lausitz: „Nirgends auf der Welt ist der Strukturwandel schwerindustrieller Ballungsregionen vergleichsweise so gut gelungen wie im Ruhrgebiet. Er sollte als Vorbild dienen, auch für den Ausstieg aus der Braunkohle.“

Einiges, was im Ruhrgebiet funktioniert hat, werden die politisch Verantwortlichen in den Braunkohlerevieren sicherlich übernehmen können, etwa Ideen zur Nachnutzung der Industriedenkmäler für kulturelle und touristische Zwecke.

Auch aus Fehlern, die an der Ruhr gemacht wurden, wird man lernen können, etwa wenn es darum geht, zwischen den Kommunen zu kooperieren. Ob sich Konzepte, die im Ballungsraum Ruhrgebiet funktioniert haben, allerdings eins zu eins auf die ländlich geprägten Braunkohlereviere übertragen lassen, ist mehr als fraglich.