Ein Mercedes fährt mit knapp siebzig Sachen über den Lausitzring. Plötzlich macht der Fahrer des Wagens eine Vollbremsung. Das Auto kommt auf glatter Fahrbahn ins Rutschen und landet fast im Zaun. „Wir haben zu Testzwecken den ABS ausgeschalten“, klärt einer die brisante Szene auf.
Solche und andere Übungen gehörten zum Testfahrt-Programm der Technischen Universität Dresden, das gestern zum ersten Mal durchgeführt wurde. Studenten des neunten Semesters vom TU-Institut für Verbrennungsmotoren und Kraftfahrzeuge soll dadurch am Ende ihres Studiums die Chance geboten werden, Fahrtests in der Praxis durchzuführen. Dies war bisher an der Dresdner Universität nicht möglich.

Kreisfahrt im Kleinbus
Eine der Teststationen auf der brandenburgischen Rennstrecke ist ein überdimensionaler Kreisverkehr. Der Fahrer eines Kleinbusses beschleunigt zu Beginn der Fahrt das Gefährt nur langsam. Die Studenten, die auf der Rückbank Platz genommen haben, sind zu allerlei Späßen aufgelegt. Auf der verschneiten Piste hält der Bus bei 30 Kilometern in der Stunde (km/h) noch locker die Spur. Bei 45 km/h sieht das schon anders aus. „Ich glaube, das Heck bricht aus“, meint einer der künftigen Ingenieure und versucht, dabei nicht allzu panisch zu wirken.
Uni-Mitarbeiter Maik Jeschor bleibt bei der rutschigen Kreisfahrt allerdings gelassen und erklärt den Studenten genau, wann und wo welche Kräfte am Fahrzeug wirken. „Die Studenten erhalten so die Möglichkeit, das in Vorlesungen und Seminaren erlernte Wissen auch mal in der Praxis auszuprobieren, was an einem Institut für Verbrennungsmotoren und Kraftfahrzeuge natürlich auch dazugehören sollte“, erzählt Jeschor. Als seine jungen Kollegen nach etwa zwanzig Runden das Fahrzeug verlassen, ist in ihren Gesichtern Erleichterung zu sehen. Trotzdem findet Student Carsten Guhr die Aktion spitze: „Es ist weitaus besser, als im Dresdner Labor mit kleinen Holzautos um die Wette zu fahren“, lautet sein Resümee.
Der Tag auf der Rennstrecke ist aber nicht nur reines Vergnügen, wie Jeschor betont. „Beispielsweise messen wir mit dem Kleinbus Querbeschleunigung und Fliehkraft bei verschiedenen Geschwindigkeiten und vergleichen diese Ergebnisse mit jenen, die vorher in der Theorie errechnet wurden“, erklärt er. Dies geht bequem über eine Art Bordcomputer, welcher in das Fahrzeug eingebaut ist und alle wichtigen Daten auf einen Bildschirm überträgt. Ziel dieser Versuche sei es, den Studenten den praktischen Bezug ihrer theoretischen Arbeiten klarzumachen.
An zwei weiteren Stationen auf dem EuroSpeedway Lausitz finden zeitgleich diverse andere Untersuchungen statt. Auf einer der lang gezogenen Geraden können die Studenten beispielsweise das Bremsverhalten testen, Schlängellinien fahren oder auch mal voll beschleunigen, ohne Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer nehmen zu müssen.
Überdies werden wie ABS oder Fahrstabilisator einzeln oder gar zusammen abgeschaltet. Da sich das Fahrzeug bei hohen Geschwindigkeiten und glatter Piste kaum noch in der Spur halten lässt, lernen die jungen Leute solche technischen „Annehmlichkeiten“ wohl zu schätzen. Bei den Tests geht es aber nicht nur um Geschwindigkeiten und Fahrverhalten. Eine Station befasst sich ausschließlich mit der Akustik. Messungen am Motor sowie Untersuchungen der Fahrgeräusche stehen dort auf dem Programm.

Hilfe von der Dekra
Solche Praxisübungen soll es laut Professor Horst Brunner, Leiter des Instituts für Verbrennungsmotoren und Kraftfahrzeuge, jetzt jedes Jahr auf dem Lausitzring geben. „Natürlich ist das auch ein kleines Rahmenprogramm für die Studenten, um nicht nur theoretisches, sondern auch praktisches Wissen zu erlangen“, sagt er. Mitgeholfen hat dabei auch der Dekra, der auf dem Gelände ein eigenes Automobil-Test-Center aufbaut. Neben Technikern hat das Unternehmen auch die Fahrzeuge gestellt. Das sei, lobt Brunner, ein hervorragender Rahmen, um wissenschaftliche Tests durchzuführen und dabei auch noch Spaß zu haben.