Von Christine Keilholz

Schneeberg ist seit elf Jahren ohne Bundeswehr. Die Kleinstadt im Erzgebirge verlor ihre Jägerkaserne im Zuge einer Sparwelle bei der Truppe. Zuvor lieferte sich die Stadt mit dem damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ein dramatisches Gefecht.

Die örtlichen Unternehmer kämpften für den Erhalt der Jägerkaserne, ebenso die Vereine, die die Sportstätten des Gebirgsjägerbataillons mitnutzten. Der Bürgermeister führte 15 Millionen Euro an Kaufkraft ins Feld, die der Bundeswehrstandort für seine Stadt jährlich bedeute. Aber die Schneeberger unterlagen. Als der Standort 2008 geschlossen wurde, endeten 300 Jahre erzgebirgischer Militarismus.

Die Jägerkaserne war einer der größten Arbeitgeber der Region. Die 1400 Soldaten und Mitarbeiter kauften in der Stadt ein, sie ließen ihre Autos bei lokalen Mechanikern reparieren. Wenn ihre Familien zu Besuch kamen, schliefen die in Pensionen in der Nähe. Das Militär bestimmte das Leben der 15 000 Schneeberger über mehrere Systemwechsel hinweg.

Bundeswehr wichtiger Wirtschaftsfaktor

In vielen Regionen ist die Bundeswehr der wichtigste Wirtschaftsfaktor. Dort, wo starke Unternehmen fehlen, bieten die Streitkräfte Jobs, Lehrstellen und Aufträge für lokalen Betriebe.

Viel ist verloren gegangen durch die sparsame Verteidigungspolitik der letzten 20 Jahre. Neben Schneeberg müssen auch Doberlug-Kirchhain oder Brandenburg an der Havel ohne die Streitkräfte auskommen, von denen sie oft Jahrhunderte lang wirtschaftlich abhängig waren. Doch nun will die neue Verteidigungsministerin alles anders machen. Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hat angekündigt, in die Infrastruktur und Ausrüstung der Bundeswehr zu investieren. Damit verbindet sich auch die Hoffnung, dass die Absiedlungspolitik in der Fläche ein Ende hat, die ihre Vorgänger betrieben haben.

Kramp-Karrenbauer will in Bundeswehr investieren

Gewinner dieser neuen Aufrüstung wird der Truppenübungsplatz Oberlausitz. Hier soll demnächst die zentrale Übungseinrichtung der Bundeswehr im Osten entstehen. Das Areal zwischen Rietschen und Weißkeißel ist der drittgrößte von 13 Truppenübungsplätzen der Bundeswehr. Nach dem Krieg schossen hier russische Panzer. Künftig wird das Gelände Teststrecke für unbemannte Waffensysteme. 300 Beschäftigte sind dort stationiert, darunter 60 Soldaten.

Der Ausbau des Geländes ist eine Infrastrukturmaßnahme in der Lausitz, die der Ansiedlung einer Bundesbehörde gleichkommt.

Bundeswehr belebt Orte

Gerade Ostdeutschland hat eine hohe Dichte an Bundeswehr-Standorten, vom Heereskommando bis hin zum kleinen Materiallager. Wo immer die Bundeswehr präsent ist, freuen sich Bürgermeister über Einnahmen wie über eine Belebung ihrer Orte.

Wollte man die Bundeswehr als ein Unternehmen betrachten, wäre es eines der größten. Nicht nur 180 000 Soldaten sind es, die bundesweit und im Ausland im Dienste der deutschen Parlamentsarmee stehen. Hinzu kommen 80 000 zivile Mitarbeiter, darunter Ärzte, Professoren und Spezialisten für Cyber-Sicherheit. Die Bundeswehr ist Arbeitgeber und Ausbilder in vielen Berufen. Das ist gerade für Regionen wichtig, die nicht viele Unternehmen haben.

Bundeswehr gehört zu den größten Arbeitgebern

In Sachsen ist die Bundeswehr neben Leipzig und Dresden an fünf kleineren Standorten vertreten. Die Kerntruppe, die Panzergrenadierbrigade 37 „Freistaat Sachsen“, ist mit 400 Soldaten in der Wettiner Kaserne in Frankenberg stationiert. Weitere 700 Panzergrenadiere sitzen in Marienberg im Erzgebirge. Beide Einheiten bilden Sachsens kämpfende Truppe. In Dresden unterhält die Bundeswehr das Militärhistorische Museum mit 150 Mitarbeitern. Die Unteroffizierschule passieren jedes Jahr mehr als 7000 Auszubildende.

Die Offiziersschule des Heeres in Dresden hat 400 Leute an Stammpersonal und bietet Lehrgänge für 1000 Zeitsoldaten pro Jahr. Angehörige der Bundeswehr und Reserveoffiziere lernen hier zum Beispiel die Grundsätze der Taktik. Der Komplex in der Dresdner Albertstadt ist das in die Moderne gerettete Militärzentrum der Landeshauptstadt aus dem 19. Jahrhundert.

Damals gehörten noch Infanterie-Kasernen dazu, eine Reitschule und ein Lazarett. Sogar eine Dampfbäckerei mit Mehlspeichern gehörten zum Großbetrieb Albertstadt, zu dem Tausende Soldaten gehörten.

In Brandenburg leisten zurzeit 6800 Soldatinnen und Soldaten Dienst. Im ehemaligen preußischen Kernland ist die Dichte an Militärstützpunkten hoch. Zwei höhere Kommandobehörden gehören zur Bundeswehr in Brandenburg, das sind das Einsatzführungskommando in Schwielowsee und das Kommando Heer in Strausberg. Größere Einheiten sind in Prenzlau und ­Beelitz versammelt.

Bundeswehr in der Lausitz nur gering vertreten

Die Lausitz ist nur mit kleineren Standorten dabei, wozu das Kalibrierlabor in Cottbus und das Dienstleistungszentrum Doberlug-Kirchhain gehören – beide sind Überreste geschlossener Kasernen. Der Heeresflugplatz in Cottbus-Nord schloss 2004 und ist heute so gut wie vergessen. Nur Teile des Areals waren als Domizil für lokale Firmen interessant. Der Rest ist dem Unkraut preisgegeben. Für Cottbus war es auf lange Sicht kein Drama, dass die Bundeswehr den Fliegerhorst aus den 30er-Jahren verließ.

Brandenburg an der Havel dagegen hängt heute noch an seiner Roland-Kaserne. 2007 wurde der Standort nach 300 Jahren glorioser Geschichte dichtgemacht.

Eine vernünftige Nachnutzung war nicht zu finden für die großen Panzerhallen und Werkstätten. Ein 38 Hektar großes Gelände mit Offiziersunterkünften und Kantine drohte zur Brache zu werden. Erst 2018 zog die Stadt die Reißleine und erklärte das Kasernenareal zum Gewerbegebiet.

Proteste gegen Kasernenschließungen

Mit Protesten hatten sich die Anwohner einst gewehrt gegen die Schließung der Rolandkaserne. Brandenburger Vereine sammelten Unterschriften. Man wolle nichts unversucht lassen, die Bundeswehr am Ort zu halten. Die Argumente waren die gleichen wie in Schneeberg, als dort zur gleichen Zeit die Bundeswehr auszog.

Die Geschichte der Jägerkaserne nach ihrer Schließung ist keine glückliche. Das Areal, das in 25 Jahren aufwendig runderneuert wurde, wurde am Ende an einen Investor verkauft. Der zahlte zwei Millionen für die immobilen Reste der Truppe. Kein gutes Geschäft, denn Schätzungen zufolge waren in die Sanierung 65 Millionen geflossen.

Das erregte lokalen Unmut, der sich zusätzlich verschärfte, als das Gebäude schließlich zu einer Erstaufnahmeeinrichtung umfunktioniert wurde. Zeitweise waren 2015 dort 1000 Flüchtlinge untergebracht, über die die Anwohner weit weniger glücklich waren als vorher über die Soldaten. Die Kaserne erwies sich als Kostenfalle, denn für den Umbau zur Flüchtlingsunterkunft musste das Land ab 2015 nochmals 28 Millionen Euro in die Hand nehmen.

Doch inzwischen kommen weniger Asylbewerber an. Momentan warten noch rund 100 Menschen in der Jägerkaserne auf den Abschluss ihres Verfahrens. Einen Teil des Geländes übernahmen lokale Firmen. Ein Autohaus hat dort sein neues Domizil.

Ein Teil der Jägerkaserne ist seit 2018 eine Polizeischule. Die bekam Schneeberg als Kompensation für den Auszug der Soldaten.