Bei einem Patienten ist ein Tumor in der Leber diagnostiziert worden. Er könnte damit wahrscheinlich noch ein Jahr leben, anfangs sogar mit relativ wenig Beschwerden. Deshalb wägen die Ärzte die Risiken einer Operation ab. Denn ein Eingriff kann nicht nur heilen, er kann ebenso - wenn nur noch ein kleiner Teil des Organs funktionstüchtig ist - zu Komplikationen führen. Das würde die Lebensqualität des Patienten verschlechtern und die Lebenserwartung senken.

Bisher sei das Operationsrisiko nicht immer präzise einschätzbar, sagt der Arzt und Humedics-Geschäftsführer Erwin de Buijzer. Es hänge davon ab, wie hoch der Anteil lebender Zellen ist, die der Leber nach der Operation verbleiben. Sind krankheitsbedingt schon zu viele Zellen abgestorben, dann ist das Organ nach der Tumor-Beseitigung zu klein, es kann seine Aufgaben nicht mehr erfüllen. In diesem Fall würde eine Operation eher schaden als nützen. Doch auch bei einer Entscheidung für einen Eingriff ist die exakte Kenntnis der aktuellen Leberwerte wichtig für Arzt und Patient. Operationen werden besser planbar, die Nachbehandlung lässt sich genauer steuern.

Der von Humedics entwickelte Limax-Test (Liver maximum capacity test) ist weltweit nicht nur der schnellste und für die Mediziner einfachste, wie de Buijzer betont, er gibt auch als einziger direkt Auskunft über den Anteil der lebenden, also funktionstüchtigen Leberzellen. Limax kommt ohne Blutentnahme und Labor aus. Die Leberleistung wird direkt am Krankenbett bestimmt.

Bisher nutzen die Ärzte zwei andere Diagnose-Möglichkeiten, erläutert de Buijzer. Erstens zeige eine Blutanalyse im Labor, wie viele Leberzellen vor zwei bis vier Tagen abgestorben sind. "Das ist nicht wirklich aktuell und vermittelt außerdem keine präzise Kenntnis über den Anteil des lebenden Gewebes."

Zweitens würden Ultraschall und Computertomographie eingesetzt. "Da haben Sie ein gutes Bild, aber genau wie bei einer Blutanalyse können Sie den Anteil der für die Leberleistung entscheidenden lebenden Zellen nicht exakt bestimmen."

Beim neuen Limax-Test injiziert der Arzt dem Patienten intravenös den Wirkstoff {-1}{-3}C-Methacetin. Die Zahl 13 ist wichtig für die Auswertung. Kohlenstoff kommt in der Natur in Form von zwei stabilen Isotopen vor, die sich durch das Atomgewicht unterscheiden. Auf das Isotop {-1}{-3}C entfällt nur etwa ein Prozent des Kohlenstoffs, fast alles andere auf {-1}{-2}C. Der Wirkstoff wird von der Leber chemisch abgebaut zu Paracetamol und {-1}{-3}CO{+2}. Letzteres wird ausgeatmet und über einen Schlauch zu dem laserbasierten Auswertegerät Flip (Fast laser investigation package) geführt. Dieses misst den Anteil von {-1}{-3}CO{+2} in der Atemluft. Je höher er ist, desto mehr lebende Zellen gibt es, denn nur sie konnten den Wirkstoff umwandeln. Den Anteil bestimmt das Gerät aufgrund der unterschiedlichen Lichtabsorption von {-1}{-2}CO{+2} und {-1}{-3}CO{+2}.

Die Idee für das Verfahren stammt von Dr. Martin Stockmann, der als Arzt an der Klinik für Allgemeine, Viszeral- und Transplantationschirurgie der Berliner Charité arbeitet. Die technische Umsetzung übernahm der Physiker Prof. Dr. Karsten Heyne von der Freien Universität Berlin.

Humedics als universitäre Ausgründung entstand 2009. Bisher wurden mit Fördergeldern und eingeworbenem Risikokapital 15 Geräte gebaut und die Leberfunktionswerte von rund 5000 Patienten bestimmt. Zwölf Kliniken in Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz kooperieren.

Eine zweite große Finanzierungsrunde brachte sieben Millionen Euro von privaten und öffentlichen Geldgebern. Auf dieser Grundlage könne nun mit dem Vertriebsaufbau begonnen werden, sagt de Buijzer.

Als Produzent wurde die Geraer Askion GmbH gewonnen. De Buijzer rechnet 2015 nur mit einem langsamen Anlauf der Serienproduktion. Das Interesse sei zwar groß, die Geräte seien mit etwa 70 000 Euro aber auch nicht billig. In etlichen Ländern gebe es zudem lange Zulassungsverfahren.

Zum Thema:
Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sind mehr als 100 Millionen Menschen von Leberleiden betroffen. Zu den Erkrankungen gehören Leberkrebs, Fettleber und Hepatitis. Als Endstadium chronischer Lebererkrankungen gilt die Zirrhose. Die Leber ist ein vielseitiges Körperorgan, das Schadstoffe entgiftet oder herausfiltert. Sie lagert Zucker, Fette, Eiweißbausteine und Vitamine ein, produziert Eiweiße, Blutgerinnungsfaktoren sowie Cholesterin. Aus dem Cholesterin stellt sie täglich einen Liter Gallenflüssigkeit zur Fettverdauung her. rbt1