Das geschäftige Treiben vor dem Praktiker-Baumarkt in Cottbus-Gallinchen lässt am Donnerstagvormittag nicht auf einen Kehraus schließen. Das Angebot für Kleingärtner - vom Obstbaum über Edelgehölze bis zu Blumen in voller Pracht - ist verlockend. Wer ein Schnäppchen machen will, der kauft zwei Bäume zum Preis von einem. Das darf die Kundschaft hier erwarten. Immerhin ist Praktiker mit dem Slogan bekannt geworden: "20 Prozent auf alles - außer Tiernahrung".

Auf dem Weg von Cottbus zu ihrem Grundstück am Spremberger Stausee lädt Monika Klemm fix einen Sack Pflanzerde in den Wagen. "Unsere ganze Familie geht hier seit Jahren einkaufen. Es wäre schade, wenn der Markt schließen würde", sagt die Stammkundin, die die Angebote des Marktes schätzt. Dass die Rabattschlacht der zurückliegenden Wochen mit Preisnachlässen bis zu 70 Prozent schon ein Fingerzeig gewesen sein könnte, dass der Konzern schnell Geld benötigt, geht an vielen Kunden vorbei.

Manfred Kroker allerdings, der ein paar Teich-Utensilien kauft, macht sich schon seine Gedanken: "Niemand hat etwas zu verschenken." Der Unternehmer aus Klein Oßnig, der wie viele Einwohner aus der Südregion nahe Cottbus den Praktiker-Markt nutzt, kommt hierher wegen des großen Angebotes. Dass der Markt auf dem Spiel steht, bedauert er wegen der Arbeitsplätze, "die die Region so dringend braucht". Und auch wegen des reduzierten Angebotes, nachdem sich unlängst auch Toom aus dem Cottbuser Süden zurückgezogen hat.

Was Manfred Kroker gern abgewendet gesehen hätte, wird Mittag zur Gewissheit: "Die Baumarktkette Praktiker hat am Donnerstag wegen Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit ein Insolvenzverfahren beantragt." Der Antrag erstreckt sich über acht Tochterfirmen in Deutschland, der für die Praktiker AG sollte noch nachgereicht werden.

Für die Dienstleistungsgewerkschaft verdi kommt der Insolvenzantrag trotz der anhaltenden Turbulenzen überraschend. "Die Belegschaft ist immerhin in Vorleistung gegangen. Doch trotz Lohnverzichts über drei Jahre kommt nun die Insolvenz - das ist schon ein Hammer", betont die Geschäftsführerin des verdi-Bezirks Cottbus, Heike Plechte, gegenüber der RUNDSCHAU. Mit einem Sanierungstarif mit fünf Prozent Einbuße beim Jahreseinkommen wollten die Arbeitnehmer ihren Anteil leisten, um das Unternehmen zu retten.

Im Süden Brandenburgs stehen nun rund 120 Mitarbeiter der Märkte in Cottbus-Gallinchen, Guben und Brieske-Senftenberg vor einer ungewissen Zukunft. In den vier Praktiker-Filialen der sächsischen Lausitz sind rund 160 Arbeitnehmer in Weißwasser, Görlitz, Bautzen und Zittau betroffen.

Wie die Cottbuser verdi-Verantwortliche für den Bereich Handel sehen auch Analysten die fehlgeschlagene Rabattstrategie als Grund für die schwere Krise. Das Unternehmen betreibt in Deutschland 315 Baumarkt-Filialen, davon firmieren 132 für Max Bahr. Sie sind den Angaben zufolge ebenso wenig von der Insolvenz betroffen wie das Auslandsgeschäft. Das Sanierungskonzept sah jetzt vor, weitere Praktiker-Filialen auf diese ertragsstärkere Marke umzustellen. Praktiker sollte nur noch als Discount-Schiene dienen.

Zuletzt waren Verhandlungen über weitere Finanzierungen aber gescheitert. Einzelne Gläubigergruppen hätten nicht zugestimmt, teilte Praktiker mit. Die Baumarktkette zählt hinter Obi und Bauhaus zu den größten deutschen Filialisten der Branche. Obi will den kriselnden Konkurrenten nicht übernehmen, wie der Chef der Obi-Mutter Tengelmann, Karl-Erivan Haub, am Donnerstag in Mülheim an der Ruhr sagte. Das Exposé zu Praktiker habe man viermal auf dem Tisch gehabt. "Es wurde zwar immer preiswerter, aber nicht besser", betonte er.

Die Vertreterin zweier Praktiker-Großaktionäre, Isabella de Krassny, setzt weiter auf eine Rettung. "Wenn jetzt alle Beteiligten an einem Strang ziehen, lässt sich Praktiker auch in der Insolvenz sanieren", wird die Österreicherin in der "Wirtschaftswoche" zitiert. De Krassny hofft, dass der Konzern sich in Eigenverwaltung sanieren kann. Dazu müssten rund 80 defizitäre Praktiker-Filialen geschlossen und Finanzmittel in Höhe von mindestens 40 Millionen Euro bereitgestellt werden, sagte sie dem Magazin zufolge. Die Managerin machte vor allem Banken und Warenkreditversicherer für das Scheitern des jüngsten Rettungskonzeptes verantwortlich.

D ie Ungewissheit der gut 50 Mitarbeiter im Praktiker-Markt von Cottbus-Gallinchen ist auch mit dem Insolvenzantrag nicht gewichen. Der Filialleiter könne den Angestellten auch nicht erklären, wie es zu dieser Situation kommen konnte. Für ein Gespräch steht er nicht zur Verfügung. Doch die Belegschaft macht sich so ihre Gedanken. Einer der älteren Kollegen macht sich vor allem um die jungen Mitarbeiter Gedanken, die auf der Straße stehen könnten. Und für eine mögliche Übernahme des Marktes sei dessen Größe in zwei Etagen nicht gerade kaufanrei zend.

Zum Thema:
Nach 35 Jahren im harten Wettbewerb der Baumarktbranche hat Praktiker Insolvenz angemeldet. Die Kette gehörte bis 2005 zur Metro, die sich nach einem Börsengang komplett von dem Unternehmen trennte. 2006 griff die Praktiker-Holding beim Baumarktfilialisten Max Bahr zu, der als ertragsstärkere Marke im Konzern nicht von der aktuellen Zahlungsunfähigkeit betroffen ist. Nach eigenen Angaben hat Praktiker 17 820 Vollzeitstellen, beschäftigt werden rund 20 000 Mitarbeiter. 2012 lag der Umsatz bei rund drei Milliarden Euro - und die Schuldenlast bei knapp 500 Millionen Euro. Praktiker betreibt nach eigenen Angaben knapp 430 Bau- und Heimwerkermärkte, davon rund 300 in Deutschland.