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Prachtvolle Welten aus Styropor

Die Arbeit an dem riesigen Stiefel hat Tobias Neumann (Foto) und seinem Bruder Thomas einiges abverlangt. Mit dem Ergebnis sind die beiden mehr als zufrieden.
Die Arbeit an dem riesigen Stiefel hat Tobias Neumann (Foto) und seinem Bruder Thomas einiges abverlangt. Mit dem Ergebnis sind die beiden mehr als zufrieden. FOTO: Neumann
Cottbus. Wenn die Brüder Thomas und Tobias Neumann Filmtitel wie "Cloud Atlas", "Die Schöne und das Biest" oder "Anonymus" in der Videothek stehen sehen, überkommt sie leiser Stolz. Denn an all diesen Filmen sind auch die beiden Cottbuser beteiligt – sie liefern Kulissenbauteile aus Styropor. Andrea Hilscher

Es ist bitterkalt in der Werkstatt von Tobias Neumann, und laut noch dazu. Dennoch arbeitet Neumann hoch konzentriert und mit Hochdruck an seiner Schneidemaschine, sägt aus weißen Styroporblöcken fein strukturierte Kapitelle und Säulen heraus. Fast zeitgleich muss er für ein Theater im Westen überdimensionale Knochen fertigen, den Stand auf der Handwerkermesse am Wochenende vorbereiten und irgendwann einmal auch für eine Heizung in seiner Werkstatt sorgen.

Tobias Neumann hat vor sechs Jahren die Firma "Styroworld" gegründet", sein Bruder Thomas ist Chef der Werbefirma "Double-N-Design". Beide Firmen arbeiten eng ineinander verzahnt "Wir haben uns selbstständig gemacht, als unser früherer Arbeitgeber sich verschlanken wollte", erzählt Thomas Neumann, der in dem Brüder-Duo fürs Reden zuständig ist. "Von unserem alten Chef haben wir die Schneidemaschine übernommen und auch einen kleinen Kundenstamm."

Gar so "klein" kann dieser Kundenstamm nicht gewesen sein, denn von Anfang an waren die Werbe-Brüder derart ausgelastet, dass es Jahre gedauert hat, bis sie ihre ersten eigenen Visitenkarten gedruckt hatten, und auch das Auto von Neumann wartet bis heute auf eine Beschriftung. "Dabei sind Visitenkarten, Flyer, Plakate und Verkehrsmittelbeschriftungen mein Metier", lacht Thomas Neumann. Von Rostock bis Bayern fahren fast überall in Deutschland Straßenbahnen, die er mit Werbung beklebt. "Ein wichtiges Standbein für uns."

Doch das, was die beiden Brüder wirklich zu etwas Besonderem macht, entsteht in der kalten Werkstatt von Tobias Neumann: Kulissenteile für Filme, die in Babelsberg gedreht werden. "Als Subunternehmer tauchen wir leider nie im Abspann der Filme auf, trotzdem ist es ein tolles Gefühl, wenn wir unsere Teile in den Streifen wiederentdecken", sagt Thomas Neumann.

Er zeigt Bilder von imposanten Säulenreihen, prachtvollen Stuckrosetten, Kapitellen und anderen, historisch anmutenden Bauelementen, die in Filmen wie "Cloud Atlas", "Anonymus" oder "Die drei Musketiere" zu sehen sind. Die Cottbuser erledigen die sogenannten "Rohschnitte", die Feinarbeiten werden zumeist in den Filmstudios vor Ort erledigt. "Manchmal ist der Zeitdruck für uns enorm hoch." Die 60 Säulen für "Die Schöne und das Biest" mussten innerhalb von drei Wochen fertig werden, sodass die Brüder letztlich fast rund um die Uhr gearbeitet haben.

"Das Geschäft ist hart, aber es macht immer noch riesigen Spaß", so die Brüder. Mittlerweile hat Tobias Neumann als gelernter Fahrzeuglackierer seine Schneidemaschine so modifiziert, dass sie auch fräsen und drechseln kann. So entstehen dreidimensionale Schriftzüge für Restaurants und Läden, meterhohe Tierfiguren oder gar Zahn-implantate für eine Arztpraxis. Neumann verfeinert gerade seine Fähigkeiten im airbrushen und versucht ständig, seine Produkte noch authentischer zu gestalten. In der großen Werkhalle steht derzeit die halbe Karosserie eines Autos - natürlich aus Styropor. Über die Jahre war das Dekoteil Witterungseinflüssen ausgesetzt, musste aufgehübscht und mit einer neuen Oberfläche versehen werden. Auch die mehrere Meter hohen Pferde, die seit einigen Jahren den Einritt vom Sielower Reitstadion zieren, wurden im vergangenen Jahr überholt und wirken wieder wie neu..

"Aufträge haben wir wirklich genug", sagt Thomas Neumann, "aber trotzdem wollen wir uns auf der Handwerkermesse in Cottbus bemühen, noch mehr Kunden direkt aus der näheren Umgebung zu gewinnen." Die Cottbuser Feuerwehr und der Katastrophenschutz stehen schon in Neumanns Kundenliste, der Gulbener Ziegenhof hat sich einen überdimensionalen Ziegenkopf fertigen lassen, weit über Cottbus hinaus ist auch der Schriftzug eines griechischen Restaurants in Sielow bekannt.

Eigentlich gibt es nichts, was die Neumann-Brüder nicht aus Styropor herstellen können. Inzwischen haben sie eine zweite Schneidemaschine angeschafft, mit der meterlange "antike" Säulen geschnitten werden können. Vier Azubis haben ihre Lehre bei Thomas Neumann mit Erfolg abgeschlossen, zwei von ihnen konnte er übernehmen. "Auch das ist ein tolles Gefühl."