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Potsdamer Piloten liebäugeln mit Cottbus

Auf der Internet-Plattform Lokador ist das erste virtuelle Online-Kaufhaus regionaler Einzelhändler eröffnet worden. Pilotregion für das Gemeinschaftsprojekt der Debex GmbH und der TH Wildau ist Potsdam. Der Screenshot zeigt, wie sich Potsdamer Einzelhändler auf der Website www.lokador.de präsentieren.
Auf der Internet-Plattform Lokador ist das erste virtuelle Online-Kaufhaus regionaler Einzelhändler eröffnet worden. Pilotregion für das Gemeinschaftsprojekt der Debex GmbH und der TH Wildau ist Potsdam. Der Screenshot zeigt, wie sich Potsdamer Einzelhändler auf der Website www.lokador.de präsentieren. FOTO: Screenshot www.lokador.de
Potsdam/Cottbus. In Potsdam ist das erste regionale Online-Kaufhaus Brandenburgs gestartet. Der private Postdienstleister Debex und die Technische Hochschule (TH) Wildau haben es als Internet-Plattform eingerichtet. Beate Möschl

In Potsdam ist das erste regionale Online-Kaufhaus Brandenburgs gestartet. Der private Postdienstleister Debex und die Technische Hochschule (TH) Wildau haben es als Internet-Plattform eingerichtet. Die TH Wildau ist Entwicklungspartner. Die Debex betreibt das System und ist gleichzeitig der Logistikdienstleister. Die ersten regionalen Einzelhändler haben sich im virtuellen Kaufhaus "eingemietet": eine Bio-Ladenkette, eine Apotheke, ein Fleischer, eine Parfümerie und ein Spezialist für Autopflege. Ein Bio-Bäcker bereitet seine Online-Präsenz im Kaufhaus Lokador vor.

"Der Einzelhändler braucht nicht viel tun", sagt Debex-Geschäftsführer Karsten Knaup. "Er mietet gegen einen kleinen Obolus einen Shop im Online-Kaufhaus, stellt über ein Händlertool, für das wir Schulungen anbieten, eine Liste ins Netz, was er verkaufen möchte, mit ein paar schönen Produktfotos dazu und Preisangaben. Dann sollte er nur immer mal wieder reinschauen, ob Bestellungen eingegangen sind", beschreibt Knaup das Prozedere.

Und weiter? "Ganz einfach: Die online bestellten Waren packt der Einzelhändler in eine Einkaufstüte und reicht sie unseren Mitarbeitern über den Ladentisch. Mit Adressaufkleber, Rechnung und Rechnungskopie für den Kunden und für uns als Logistikdienstleister. Wir liefern den Einkauf an die gewünschte Adresse, der Kunde zahlt bequem per EC-Karte bei Lieferung." Das Geld für ihre Ware bekommen die Einzelhändler auf internem Verrechnungsweg.

Andrea Siede gehört mit ihrer Parfümerie M in Potsdam-Babelsberg zu den fünf Lokador-Protagonisten im Pilotgebiet Potsdam. Sie ist Einzelhändlerin mit Leib und Seele, hat sich gleich nach der Wende selbstständig gemacht und weiß sich aufzustellen in einem Umfeld, in dem stationären Einzelhändlern ein rauer Wind ins Gesicht weht. "Die Umsätze im stationären Handel gehen zurück, der online-Handel wächst", sagt sie und betont: "Es ist aber nicht so, dass der Online-Handel eins zu eins die gesamten Umsatzrückgänge im stationären Handel abgreift. Die Leute geben derzeit einfach mehr Geld aus für andere Dinge. Immobilien zum Beispiel und Reisen."

Andrea Siede selbst hat vor vier Jahren einen eigenen Internet-Shop eröffnet und sieht sich mit ihrer Erfahrung nun im Kreis der Lokador-Piloten im Vorteil beim Einpflegen und Aktualisieren ihrer Offerten für die internetaffine Kundschaft.

Seit Juni nutzt sie zusätzlich die Online-Plattform Lokador, "weil mich das Konzept überzeugt, und natürlich auch in der Erwartung zusätzlicher Umsätze". Doch damit hapert es noch. "Wir haben uns wirklich mehr erhofft", sagt Andrea Siede. Schreckt sie das ab? "Nee", sagt die Potsdamerin. "Wir bleiben auf jeden Fall dabei und geben dem erstmal eine Chance." Die Ladeninhaberin hofft auf das Weihnachtsgeschäft und bleibt aufgeschlossen. "Man muss alles mitmachen und ausprobieren", sagt sie.

Das fällt noch nicht jedem Einzelhändler leicht, beobachtet Karsten Knaup. Er ist stark beschäftigt nach dem Hauptgeschäft, den privaten Postdienstleistungen, die regionale Händlerschaft zu bewegen, durch die Tür des regionalen Online-Kaufhauses Lokador zu gehen. "Wenn man sich in Potsdam umschaut, sieht man, viele Läden stehen leer, nicht nur in Nebenstraßen. Was einzieht, sind große Handelsketten. Da mache ich mir schon Sorgen um Vielfalt, das Regionale und das Heimattypische. Wenn nur noch die Großen übrig bleiben, verlieren wir alle", sagt Knaup. Das motiviert ihn, dranzubleiben.

Die Technische Hochschule Wildau hat er sich frühzeitig an die Seite geholt: "Mir macht das wissenschaftliche Herangehen Spaß. Außerdem ist die Frage, wie entwickelt man ein Projekt mit knappen Ressourcen, auch ein gutes, praxisnahes Forschungsthema für Studenten", sagt der Potsdamer, der in Wildau Wirtschaftsinformatik studiert hat. Vor etwa einem Jahr haben die TH Wildau und der Postdienstleister Debex GmbH das Projekt "Lokador - das regionale Onlinekaufhaus" erstmals öffentlich vorgestellt. Inzwischen lernt es Laufen. Geht es nach Knaup, könnte die Reichweite der Online-Plattform Lokador und der dahinter stehenden Logistikkette ab Frühjahr 2018 auf das Potsdamer Umland ausgedehnt werden. "Da müssen natürlich die Händler im Umkreis mitmachen", sagt er. Für die Debex sei das kein großer Schritt, sondern "eine sinnvolle Ergänzung für unser Unternehmen". Wenn nachmittags alle Briefe von den Kunden abgeholt und alle Postboten wieder drin sind, fahren die ersten los und holen die online bestellten Einkäufe ab, bringen sie in die Zentrale und stellen dort den Adressen entsprechend Einkaufstüten und Auslieferungstouren zusammen. Egal, ob eine Familie in einem oder in sechs Läden online eingekauft hat, sie bekommt ihre Einkäufe in einem Rutsch geliefert. "Das Gleiche lässt sich in Cottbus auch einrichten. Mit dem Briefdienstleister RPV gibt es ähnlich gute Voraussetzungen dafür", schätzt Knaup ein. Er liebäugelt natürlich damit, Lizenznehmer für das System zu finden und sagt: "Wer weiß, vielleicht gibt es 2018 Lokador schon in Cottbus."

In Cottbus kennt man das Thema. Die Debex GmbH ist ein Kooperationspartner des privaten Briefdienstleisters Regio Print-Vertrieb (RPV) GmbH. "Möglich wäre das. Herr Knaup lebt uns das ja vor. Die Technik und die Voraussetzungen für die erforderlichen Logistikdienstleistungen haben wir", sagt Ingolf Heimann, Leiter Briefservice/Qualitätsmanagement bei RPV Cottbus, zur Lokador-Idee. Festnageln lässt er sich nicht. Noch nicht.

Zum Thema:
Forschungsinstitute, die sich mit dem Thema Einkauf der Zukunft beschäftigen, sagen, eine Möglichkeit für Einzelhändler, sich fit zu machen für den Kunden im Jahre 2030, sind Verbünde von Einzelhändlern, die gemeinsam online auftreten. Die Technische Hochschule Wildau hatte beim 15. Technologietag Berlin-Brandenburg das Modellprojekt Lokador vorgestellt. Dort treten stationäre Einzelhändler einer Region - vorerst aus Potsdam - in einem virtuellen Kaufhaus im Internet auf. In dem Kaufhaus lässt sich direkt per Mausklick kaufen. Oder der Kunde wird online aufmerksam gemacht und geht zu seinem Händler gleich um die Ecke. Seit Juni funktioniert das. Lokador ist eine Wortschöpfung aus Lokal und door (Tür) und steht für: Lokales an die Tür geliefert, so Initiator Karsten Knaup.