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| 18:09 Uhr

Ausfallzeiten
Geschwänzte Termine können für Patienten teuer werden

 Wenn Hände heilen: Manuelle Therapie ist eine Unterform der Physiotherapie. Therapeuten brauchen dafür eine zusätzliche Qualifikation.
 Wenn Hände heilen: Manuelle Therapie ist eine Unterform der Physiotherapie. Therapeuten brauchen dafür eine zusätzliche Qualifikation. FOTO: Dieter Kroll / dpa-tmn
Cottbus. Leistungen von Physiotherapeuten sind gefragt wie nie. Während viele Patienten auf einen Termin lange warten müssen, schwänzen andere eine vereinbarte Behandlung. Für die Ausfallkosten müssen die Praxen allein aufkommen. Jetzt stellen sie den unentschuldigt fernbleibenden Patienten Ausfälle in Rechnung. Von Hannelore Grogorick

Wenn der Nacken schmerzt, kann das an Erkrankungen der Hauptschlagader, der Speiseröhre, der Lungen liegen. Meldet sich die Hüfte unangenehm, so kann das an einer falschen Gangart der Füße liegen.  Der menschliche Körper ist ein ganzheitliches System, eines hängt mit dem anderen zusammen, wird von allem beeinflusst.

Wie das im Einzelnen funktioniert, das wissen neben Ärzten wohl die Physiotherapeuten am besten. Physiotherapie bildet den Oberbegriff für die Krankengymnastik und die physikalische Therapie. Als natürliches Heilverfahren nutzt die Physiotherapie natürliche Anpassungsmechanismen des Körpers, um Störungen körperlicher Funktionen gezielt zu behandeln oder als Maßnahme in der Gesundheitsvorsorge diese zu vermeiden.

Dementsprechend ist das Wissen und Können der Physiotherapeuten von großem Interesse. Ob nach großen Operationen oder kleinen Verstauchungen ist ihre Hilfe auf dem Weg zur Heilung unverzichtbar. Wie sehr, das merkt so mancher wohl spätestens dann, wenn er selber einen Termin benötigt und auf eine mehr oder weniger lange Wartezeit hingewiesen wird.

Um so unverständlicher ist es, wenn Patienten ohne Entschuldigung einem vereinbarten Termin fern bleiben. Das ist offenbar gar nicht so selten. Die Reha Vita in Cottbus beschäftigt zum Beispiel 60 Therapeuten, von denen etwa 30 im Heilmittelbereich arbeiten. „Wenn man prozentual Urlaub, Fortbildung und Krankheit herausrechnet,  hat der einzelne Therapeut etwa eine Stunde  pro Woche Therapieausfall“, sagt Geschäftsführerin  Annett Seifert.

Dabei sei Therapie kein Spaß, die nach Lust und Laune stattfindet. „Therapie ist eine ernstzunehmende Aktivität, damit die eingeschränkte Lebensqualität des Patienten wiederhergestellt wird, Krankheit geheilt oder gelindert wird, Pflegebedürftigkeit vermindert oder vermieden wird“, sagt  Annett Seifert weiter. „Wenn Termine/Intervalle nicht eingehalten werden, verschlechtert sich der Therapieerfolg, und es sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass das Therapieziel erreicht wird.“

Nicht umsonst hat der Gesetzgeber festgelegt, dass eine Behandlung innerhalb von 14 Tagen nach der Verordnung begonnen werden muss. Sie verfällt ebenfalls, wenn zwischen zwei Terminen mehr als zehn bis 14 Tage liegen — je nach eigenständiger Festlegung der Krankenkassen.

Vermutlich können manche Patienten die Folgen für sich und andere gar nicht absehen, wie Begründungen für geschwänzte Termine vermuten lassen: „Ich kann am Nachmittag nicht kommen, weil Regen angesagt ist“, war eine der verblüffendsten Ausreden, die Annett Seifert gehört hat.

Dass das gegenwärtige Handicap sich durch ausgefallene Behandlungen nun wirklich nicht beseitigen lässt, ist die eine Sache. Dem Patienten blüht dazu noch, dass sein Arzt mitunter keine Folgetherapie wegen schlechter Mitarbeit des Patienten verschreibt. „Terminausfälle führen außerdem dazu, dass chronisch kranke Patienten vollkommen überflüssig auf die dringend benötigte Therapie warten“, sagt Annett Seifert.

Obwohl die Häufigkeit geschwänzter Termine wohl der Anonymität der Großstadt geschuldet sein könnte, ist der Fakt an sich ein weit bekanntes Ärgernis, wie eine kurze RUNDSCHAU-Umfrage zeigt: „Es passiert auch bei uns. Aber selten. Und es sind immer dieselben“, sagt Stefanie Plaschna aus Burg. In der Herzberger Praxis von Uta Pfeiffer gibt es geschwänzte Termine „sehr selten, weil die Leute wissen, dass sie keinen neuen Termin bekommen können, weil der Plan voll ist.“ Auch bei Diana Schäfer in Lübbenau werden die Patienten sofort darauf hingewiesen, dass es kaum freie Termine gibt. Im Therapie- und  Gesundheitszentrum ♦Herzberg müssen einige solcher Ausfallzeiten verbucht werden, die aber von den Kollegen genutzt werden  für andere Arbeiten wie Patientendokumentationen.

Letztlich aber ist jede Ausfallstunde  für den Physiotherapeuten eine nicht vergütete Zeit. „Der Physiotherapeut oder die physiotherapeutische Praxis rechnet die ärztliche Verordnung mit uns als Kasse in der Regel erst ab, wenn alle verordneten Behandlungseinheiten abgeschlossen sind“, sagt Claudia Szymula, Landespressesprecherin der Barmer-Landesvertretung Sachsen. „Wir haben keinen Überblick, wie oft es in Physiotherapien beispielsweise zu Terminverschiebungen oder Absagen kommt oder Patienten unentschuldigt fern bleiben.“ Aber erschrocken sei sie schon von dem Fakt, das hätte sie gar nicht auf dem Schirm gehabt.

De facto trägt die physiotherapeutische Einrichtung den ganzen Verlust allein. Für kleine Praxen kann das existensbedrohend sein. Annett Seifert sagt: „Es ist ein unternehmerischer Fehlbetrag und branchentypisch. Man muss ihn vorher schon einkalkulieren.“ Aber bitteschön minimal. In der Reha Vita wird jetzt nur noch ein Ausfall pro Patient toleriert. Ab dem zweiten Fernbleiben wird dem Patienten der Ausfall in Rechnung gestellt. Einen neuen Termin gibt es erst, wenn die Rechnung beglichen ist.

Keine Ausfallgebühren werden erhoben bei Krankheit, bei einem Todesfall, wenn Termine anderweitig noch vergeben werden können oder bei Gruppentherapien.

Die Reaktionen der Patienten auf Ausfallgebühren sind sehr unterschiedlich. Die einen erkennen sofort an, dass die Arbeit des gut ausgebildeten Personals nicht zu verschenken ist. Andere drohen, die Praxis künftig zu meiden. Wieder andere wollen „den Verstoß“ ihrer Krankenkasse melden. Doch dort dürften sie auch nur erfahren, dass Ausfallrechnungen gesetzlich  und rechtens sind.

„Faktisch haben wir durch unsere Ausfallregelung den Therapieausfall pro Monat auf rund 100 Stunden senken können“, schätzt Annett Seifert ein.

Der Richtwert für die Behandlungsdauer sei bei Krankengymnastik und Manueller Therapie jeweils 15 bis 25 Minuten. Die Vergütung liegt dafür bei 15,54 Euro und 17,85 Euro bei den Ersatzkrankenkassen. Die Ausfallgebühren würden mit Empathie   berechnet: „Der Verstand sagt: ,Ausfallgebühren müssen sein’, das Gefühl sagt: ,der arme Patient’. Das, was bei der Therapie eine Stärke ist – viel Einfühlungsvermögen –, wird beim Einfordern der Ausfallgebühr für den Therapeuten oft zu einem echten Hindernis“, betont Annett Seifert.