Von Katrin Hartmann

Deutschland braucht Pflegekräfte – und sieht sich deshalb zunehmend auch im Ausland um. Dabei geht es etwa um die Balkanstaaten Albanien, Serbien und Bosnien-Herzegowina, wo staatliche wie private Unternehmen Personal vor Ort für den Einsatz in Deutschland fit machen. Das verspricht Gewinn für beide Seiten: Denn in diesen Ländern gebe es einen „Überschuss an ausgebildeten Pflegekräften, die keine adäquate Beschäftigung im Herkunftsland finden“, sagt Raimund Becker, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, die daran beteiligt ist.

Doch der Blick reicht noch viel weiter – nach Asien nämlich. Auch Vietnam und die Philippinen sollen den deutschen Fachkräftemangel lindern helfen. Bereits heute verdienen fast 100 000 Filipinos ihr Geld mit Alten- und Krankenpflege im Ausland. Nun könnte auch Deutschland als Arbeitsort eine immer größere Rolle spielen. Voraussetzung dafür ist aber das Erlernen der deutschen Sprache – und das geschieht beispielsweise in der Beagle Academy in Manila.

Das ist eine Sprachschule, die darauf spezialisiert ist, philippinischen Pflegekräften Deutsch beizubringen. Die Nachfrage sei groß. „Auf beiden Seiten“, sagt Ramon Hansmeyer, Leiter der Schule. Während man in Deutschland händeringend nach Pflegekräften suche, gibt es auf den Philippinen laut dem dortigen Pflegekräfteverband 200 000 arbeitslose Fachkräfte beziehungsweise entsprechend ausgebildete Frauen und Männer, die einer anderen Tätigkeit nachgehen. Nach Angaben der Arbeitsagentur haben seit 2012 rund 92 000 Pflegekräfte den Inselstaat verlassen. In Deutschland sind laut Bundesagentur für Arbeit 40 000 Pflegestellen unbesetzt. Passt hier eines zum anderen? In der Theorie auf jeden Fall, in der Praxis ist das jedoch ein langer, mühsamer Weg.

Im 17. Stock eines Hochhauses in Makati City, dem Central-Business-Distrikt, sitzen Pflegekräfte um runde Tische herum. Sie schauen auf ihre Tablets, unterhalten sich. Allerdings nicht auf Tagalog, der Amtssprache. Stattdessen probieren sie es auf Deutsch. Auf einem der Tische steht ein Glas, halb gefüllt mit philippinischen Pesos. „Wer bei uns Tagalog im Unterricht spricht, muss was ins Sammelglas werfen“, sagt Ramon Hansmeyer. Was nach harter Disziplin klingt, hat einen einfachen Grund. Die erwachsenen Schüler verbringen bis zu neun Stunden gemeinsam auf engstem Raum. Da kommt es oft vor, dass sie in ihre Muttersprache zurückfallen.

Den Unterricht versuchen die sieben Lehrer so kreativ wie möglich zu gestalten. Der achtmonatige Intensivkurs wird mit Hörübungen und Spielen aufgelockert. Weshalb manchmal auch Wolfgang Petrys „Weiß der Geier“ laut durch den Flur tönt. „Filipinos sind die geborenen Entertainer“, sagt Sprachlehrerin Kerstin Roy, eine 34-Jährige, die in Cottbus geboren wurde. „Sie lieben Karaoke und nehmen alles mit Humor.“

Der interaktive Lernansatz trägt Früchte. Derzeit werden 120 ausgebildete Pflegekräfte unterrichtet – Tendenz steigend, und eine weitere Schule ist auch schon geplant. „Der Bedarf ist groߓ, sagt Hansmeyer, der sich vor fünf Jahren entschied, aus seinem Paderborner Übersetzungsbüro etwas anderes zu machen. Zuerst probierte es der 43-Jährige in Rumänien. Dort eine Sprachschule aufzubauen, funktionierte nicht: Familienmitglieder, die im Ausland Jobs annahmen, wurden zu Hause abgelehnt. Auf den Philippinen habe er das komplette Gegenteil erfahren. Die Filipinos, die in Übersee arbeiten, werden als Helden gefeiert.

Bevor man aber ein Held werden kann, braucht man ein Visum, wie die 26-jährige Johanna lei Bayron. Sie war Schülerin an der Beagle Academy, hat ihre Prüfung bestanden und hofft nun seit Monaten auf ihr Visum. In einem Krankenhaus in Schleswig-Holstein wartet eine Stelle auf sie. „Ich habe einen Freund in Hannover, der dort in einem Krankenhaus arbeitet.“ Ihm gefalle es. In einer Facebook-Gruppe tauscht sie sich regelmäßig mit anderen Pflegekräften aus, die bereits in Deutschland arbeiten und leben.

Die lange Wartezeit hat Folgen: „Oft vergessen die Schüler in der Zwischenzeit, was sie bei uns gelernt haben“, sagt Hansmeyer. Dabei sollen sich die Pflegekräfte nicht nur in die fremde Kultur einfinden, sondern auch schnellstmöglich in den Job. Ein Prozess, der Geduld und Zusammenarbeit verlangt, sagt Roy. Sie selbst weiß, wie es ist, sich einzuleben. Seit fünf Jahren lebt sie auf den Philippinen. Der Liebe wegen und weil sie nach etwas Neuem suchte. „Ich hatte mich nicht nur in meinen Freund verliebt, sondern auch in das Land und die Leute.“ Die Deutsche hat ihren Platz gefunden und hofft, dass es ihren Schülern in Deutschland genauso geht.