Von Christine Keilholz

Peter Reitz findet die Diskussion um die Energiewende „zu negativ“. Er ist relativ neu in der Energiebranche, sagt er. Als er anfing vor acht Jahren, haben ihm fast täglich Ingenieure gesagt, dass das mit den Erneuerbaren ganz, ganz schwierig sei. „Die erzählten mir: Nur 20 Prozent davon und das ganze Netz bricht zusammen.“ Sowas kam dauernd. „Ich hoffe, dass diese Leute bald in Rente gehen.“

Reitz ist als Vorstandsschef der Leipziger Energiebörse EEX eine der wichtigen Figuren der Energiebranche. Als er seine Anekdote erzählte auf dem Podium beim Ostdeutschen Energieforum im Leipziger Westin-Hotel, da rissen die Lacher im voll besetzten Saal ab. Solche Witze sind schwer einzuordnen in einer Energiebranche, die noch nicht recht weiß, ob sie noch konventionell ist oder schon ökologisch. Und wie viel von allem überhaupt gut für sie ist.

Fridays for Future ist ganz süß, aber nervt

Beim Ostdeutsche Energieforum war diese Identitätskrise deutlich zu spüren. Es ist die jährliche Zusammenkunft von Energiewirtschaft und Mittelstand im Osten. Hier formulieren die Unternehmen von Mecklenburg-Vorpommern bis Sachsen ihre Forderungen an die Politik. Diese Forderungen lauten, grob zusammengefasst: 1. Der Strompreis muss billig sein, damit die Unternehmen im Wettbewerb mit der West-Konkurrenz mithalten können. Und 2. Energiewende ist wichtig, aber bitte nicht zu unseren Lasten! Neu kam im achten Jahr des Forums noch ein dritter Punkt dazu, nämlich: Fridays for Future ist ganz süß, nervt aber.

Ganz umschiffen lassen sich die Umweltproteste der Jugend nicht bei einer Veranstaltung, die die zentrale Plattform der Energiedebatte sein soll. Ostdeutschland hat nicht nur Braunkohlereviere, sondern auch Großstädte, in denen die Klimapolitik zum wichtigsten Zukunftsthema wird.

Und so durfte Kevin Bauch mit aufs zentrale Podium des Energieforums. Der 23-Jährige organisiert die regelmäßigen Schülerdemos von Fridays for Future in Dresden. „Es bringt überhaupt nichts“, sagte er, „wenn sich die Bundesregierung Klimaziele setzt, die nicht mit dem Pariser Abkommen kompatibel sind.“ Bauch ist überzeugt, Deutschland baue zu wenige Windräder, dafür zu große Autos. Zudem setze die Bundesregierung keinen Anreiz zum Energiesparen. „Energie muss teurer werden auch wenn man viel verbraucht“, sagte der Fachschüler für Elektrotechnik vor lauter Unternehmern und Managern, die das Gegenteil fordern. Mehr noch: Die Subventionen für fossile Energieträger müssten endlich verschwinden. Aber hier im Saal spüre er doch „viel positive Energie“.

Politiker im Spagat zwischen Klimaangst und Wirtschaftslobby

Das lag auch an Reiner Haseloff, der dem Aktivisten ganz väterlich auf die Schulter klopfte. „Ich stehe ja auf Ihrer Seite“, sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident, der die Politik auf dem Energieforum vertrat.

Wie schwer die es hat, zwischen Klimaangst und Wirtschaftsinteressen zu manövrieren, wurde der 65-jährige CDU-Politiker nicht müde zu betonen. Es gehe darum „ein hochkomplexes System so steuern, dass Versorgung gesichert ist, aber die Ziele auch eingehalten werden, die die jungen Leute zu Recht fordern“. Einfach den Ausstoß von Kohlendioxid zu bepreisen, sei da nicht unbedingt eine wirksame Methode. Darauf hat sich die schwarz-rote Bundesregierung im September in ihrem Klimapaket verständigt. Benzin und Diesel sollen ab dem übernächsten Jahr teurer werden je – der Preis richtet sich laut den Plänen nach dem Ausstoß von CO2 pro Tonne. Klimaforscher halten das für zu wenig, die Wirtschaft dagegen für zu viel.

Entsprechendes war auch beim Energieforum zu hören. Stephan Lowis, Vorstandschef der Mitteldeutsche Energie AG (EnviaM) hat eine Kernsorge: „Der Strompreis ist belastet durch artfremde Kosten.“ Der Energieversorger mit Sitz in Chemnitz bezeichnet sich als größten Ökostrom-Anbieter Ostdeutschlands und betreibt 40 000 Anlagen, die Strom produzieren. Man tue ja alles dafür, die Energiewende umzusetzen. Allerdings fehle funktionierende Speichertechnik für den ökologisch produzierten Strom. Das merken Lowis und seine Mitarbeiter bei der täglichen Arbeit: „Es gibt Tage, da werden die Schweißtropfen größer.“

Politik muss verlässliche Vorgaben machen

EEX-Chef Reitz sieht das gelassener. Er berichtete von neuartigen Windrädern, die über Sensoren verfügen. Wenn mehr Wind weht und mehr produziert wird, dann löst die Anlage automatisch eine Verkaufsanzeige aus, die bei ihm in der Strombörse ankommt. An der EEX wird der europaweite Handel mit CO2-Zertifikaten abgewickelt. „Wir haben allein im letzten Jahr 12 Milliarden Euro umgesetzt“, erzählt Reitz. „Die können eingesetzt werden, um Umweltmaßnahmen durchzuführen.“

Das freute den Grünen in der Runde. Gerd Lippold, Landtagsabgeordneter in Sachsen, sagte, er orientiere sich am politisch Machbaren. „Mehrheitsentscheidungen müssen auch zu Akzeptanz führen, damit sie nicht nach fünf Jahren von der nächsten Regierung wieder revidiert werden.“ Lippold steckt gerade in Dresden in Verhandlungen um eine künftige Koalition aus CDU, Grünen und SPD. Politik müsse klare Vorgaben machen, „nicht immer nach Gründen suchen, warum was nicht geht“. Damit gehe nämlich in der Klimadebatte immer noch viel intellektuelles Potenzial unwiederbringlich verloren.