Von Michael Gabel

Kopfhörer der Marke Celebrat sehen gut aus und kosten nicht viel. Aber taugen sie auch etwas? Wer denkt, die Sterne-Bewertungen bei der Online-Verkaufsplattform Amazon geben darüber verlässlich Auskunft, der täuscht sich. Hunderte gefälschte Fünf-Sterne-Urteile über das Produkt hat die britische Verbraucherschutzorganisation Which ermittelt. Sie alle wurden an demselben Tag erstellt – ein klarer Fall von Bewertungsbetrug.

Mit Tricks versuchen Hersteller und Händler, die Bewertungsergebnisse für ihre Angebote in die Höhe zu treiben. Das betrifft das gesamte Sortiment – von Elektronikartikeln über Bekleidung zu Restaurants und Hotels. Alle großen Plattformen wie Amazon, Ebay, Google und Tripadvisor wurden schon Opfer der Betrugsmasche. Zwar ziehen sie immer häufiger vor Gericht, um die Flut gefälschter Rezensionen einzudämmen. Aber so richtig gelingt das nicht. Ein Fünftel der Rezensionen auf Amazon sei gefälscht, hat der Softwareanbieter Review Meta ermittelt. Tendenz steigend. Nun hat sich das Bundeskartellamt eingeschaltet und will prüfen, auf welche Weise manipuliert wird. Ein Überblick.

Gekaufte Bewertungen:

Die italienische Agentur Promo Salento verkaufte gefälschte Bewertungen an Hotels und Restaurants auf der im Südosten des Landes gelegenen Halbinsel Salento. Danach gingen beim Onlineportal Tripadvisor die Punktebewertungen steil nach oben. Was den Fall besonders macht: Es ist das bisher einzige Mal, dass Manipulationen gerichtliche Konsequenzen hatten. Ein Gericht in der Stadt Lecce verurteilte den Agenturinhaber zu neun Monaten Haft und Schadenersatz. Auch in Deutschland bieten Bewertungsagenturen ihre Dienste an. Fivestar Marketing wirbt im Internet mit dem Spruch: „Erhalten Sie echte Bewertungen, die der hohen Qualität ihrer Produkte und Dienstleistungen gerecht werden.“ Das Onlineportal Holiday-Check hat jetzt beim Landgericht München Klage gegen das Unternehmen mit Sitz im mittelamerikanischen Belize eingereicht. Der Vorwurf lautet: Manipulationen bei Bewertungen von 50 Hotels in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Sandra Schwarz, Multimedia-Expertin bei der Stiftung Warentest, spricht von einem Graubereich. Den Agenturen beizukommen, sei nicht einfach, sagt sie, betonen diese doch immer wieder, dass ihre Bewerter im Urteil frei seien. Schwarz hat allerdings Zweifel. „Was hinter den Kulissen abläuft, weiß keiner.“ Sie weist darauf hin, dass die Tester in der Regel mit Geld oder den zu bewertenden Produkten geködert würden.

Druck auf kritische Tester:

Die Verbraucherschützer von Which haben eine weitere Masche entdeckt. So erhielt ein Kunde, der ein Produkt mit drei Sternen bewertet hatte, vom Verkäufer acht Anfragen, ob er nicht doch die Höchstwertung vergeben wolle. Dafür werde ihm ein Teil des Kaufpreises erlassen. In einem weiteren Fall sollte ein 25-Euro-Gutschein dabei helfen, dass ein Kunde eine kritische Rezension entfernt.

Inflationäres Eigenlob:

Manchmal sind es die Anbieter auch selbst, die ihre Bewertungen manipulieren. So erhielt eine Taucherbrille aus China an einem Tag elfmal fünf Sterne und einen lobenden Begleittext. Die Texte waren allerdings alle in demselben Kauderwelsch abgefasst worden – was dafür spricht, dass der Anbieter sie alle durch dasselbe schlechte Übersetzungssystem hatte laufen lassen.

Kampagnen gegen Konkurrenten:

Die Kaffeestube in der Nachbarstraße, die Pizzeria um die Ecke – alles ganz schlecht: der Service, die Qualität der Produkte, und dann auch noch die Preise. Das kann stimmen, muss aber nicht. In manchen Fällen handelt es sich bei solchen Negativbewertungen um Attacken der Mitbewerber. „In der Reisebranche ist es offenbar besonders verlockend, den Konkurrenten im selben Ort das Leben schwer zu machen“, sagt Schwarz.

Konsequenzen:

Das Bundeskartellamt will dem Treiben nicht länger zuschauen. Eine „Sektoruntersuchung zu Nutzerbewertungen im Internet“ soll ein genaueres Bild von den Ausmaßen des Bewertungsbetrugs geben. „Vorrangiges Ziel wird es sein herauszufinden, welche Bewertungssysteme besonders anfällig sind und inwieweit Verstöße gegen das Verbraucherrecht vorliegen“, sagt Kartellamts-Präsident Andreas Mundt. Das Problem: Das Amt kann Probleme nur benennen, „eventuelles Fehlverhalten aber nicht abstellen oder sanktionieren“, wie ein Sprecher mitteilt.

Immerhin haben Online-Portale wie Amazon und Holiday-Check eigene Abteilungen geschaffen, die sich um nichts anderes kümmern, als manipulierte Rezensionen auszusondern. Verbraucherschützerin Schwarz hält das auch für zwingend geboten. „Denn den Portalen muss ganz besonders daran gelegen sein, dass ihre Bewertungssysteme funktionieren“, sagt sie.