Von Maria Neuendorff

Der Internet-Handel boomt wie nie. Es gibt Menschen, die bestellen inzwischen alle Weihnachtsgeschenke bei Amazon. Doch wie organisiert das weltgrößte Online-Warenhaus die überbordende Nachfrage? Ein Besuch im Logistikzentrum im Havelland.

Die Lagerhallen von Amazon sind geschützt wie Fort Knox. Jeder der 730 Mitarbeiter muss vor und nach der Schicht eine Sicherheitsschleuse passieren, Geldbörse und Handys in einem Schließfach verstauen. Zeit für eine private WhatsApp gibt es sowieso nicht. Schon gar nicht im Advent. „Die wichtigste Zeit des Jahres“, betont Standort-Leiterin Sylvia Reichardt, während sie durch den riesigen Gebäudekomplex führt. Der liegt auf der grünen Wiese vor den Toren Berlins verkehrsgünstig an der A10 und ist so groß wie neun Fußballfelder. Normalerweise lagern dort rund 2,8 Millionen Artikel. Für die Weihnachtszeit wurde die Produktpalette auf 3,6 Millionen aufgestockt.

In endlosen Regalreihen lagern Eiweiß-Pillen neben Spielzeugbaukästen und einem Freimaurer-Lexikon. „Chaotische Lagerhaltung“ heißt das in der Logistik-Fachsprache. Die spare mehr Platz als das Sortieren nach Artikeln, erklärt Reichardt.

Platz ist ein hohes Gut für das weltgrößte Versandhaus, das seinen Kunden gerne suggeriert, dass es nichts gibt, was es nicht vorrätig hätte. Für die heiße Phase wurden die Lager schon im November bestückt. „Wir haben nun eine Auslastung von mehr als 100 Prozent“, sagt Reichardt.

Der Bundesverband Kurier-, Paket- und Expresslogistik (BIEK) schätzt, dass in Deutschland vor Weihnachten rund 330 Millionen Pakete versendet werden. In Brieselang, einem der kleineren der insgesamt zwölf deutschen Amazon-Logistikzentren, werden in der Adventszeit täglich rund 100 000 Pakete verladen.

Noch packen dort nicht Roboter wie in Amerika. Vielmehr steuern Computer den Menschen. Die Picker, die die Waren aus den Regalen holen, bekommen auf Handscannern Fachnummern und Produktbilder angezeigt. „Das soll Verwechslungen ausschließen“, erklärt ein junger Mitarbeiter, während er einen Lego-Kasten in einen seiner Wagen legt. Fünf bis sieben Kilometer läuft er durchschnittlich in einer Schicht. Als nächstes schickt ihn der Mini-Computer zu einer Taschenlampe, die heute ebenfalls um 13 Uhr zum Kunden rausgehen soll. Seit Amazon mit „Prime Now“ eine Lieferung binnen zwei Stunden nach Berlin und Potsdam verspricht und seine Kunden mit Mitgliedsbeiträgen, aber dafür ohne Versandkosten an sich bindet, werden auch häufig mal Sixpacks und Klopapier bestellt.

An den Fließbändern der Packer liegen Kartons in 13 verschiedenen Größen und Stärken bereit. „Din4“ steht auf dem Bildschirm vor Petra Schwab, nachdem sie ein Buch aus dem Wagen genommen und eingescannt hat. An wen es geht, wird die 63-jährige gelernte Bäckerin nie erfahren. Soll sie auch nicht, aus Datenschutzgründen. Nachdem sie das Buch verpackt, den Karton zugeschweißt hat, tackert sie erneut nur einen Barcode auf die Pappe. Er wird am Ende des langen Laufbandes von einer Stempelmaschine ausgelesen. Erst diese klebt die Etiketten mit Namen und Adresse der Kunden auf die Pakete.

Dabei ist Amazon eine Datenkrake. Laut Handelsverband Deutschland (HDE) werden 46 Prozent des gesamten Online-Umsatzes in Deutschland über das US-Unternehmen abgewickelt. Aus den Bestellungen lassen sich Trends ablesen. So werde in diesem Jahr besonders viel „Shy Technology“ geschenkt, prophezeit Amazon-Deutschland-Sprecher Stephan Eichenseher. Er meint Geräte, denen man die Technik nicht mehr ansieht, mit wenig Knöpfen und viel Holzoptik. Dazu schenkten sich die Leute wieder mehr Zeit. Rezeptbücher für das gemeinsame Kochen und Gesellschaftsspiele für den Familiennachmittag. Dazu sollen die Präsente möglichst nachhaltig sein, wie Strohhalme aus Bambus, berichtet Eichenseher. „Man schenkt heute gerne mit gutem Gewissen.“

Aber kann man das angesichts des umstrittenen US-Giganten, gegen den das Bundeskartellamt gerade ein Missbrauchsverfahren eingeleitet hat? Auslöser sind Beschwerden von kleinen und mittelständischen Händlern, die ihre Produkte über die Amazon-Plattform verkaufen. Sie berichten in einer Umfrage des Deutschen Handelsverbandes über unverhältnismäßige Account- oder Produktsperrungen, die schnell in den Ruin treiben können. „Problematisch hierbei ist, dass sich die Händler nicht auf die allgemeinen Geschäftsbedingungen in Deutschland berufen können, da Amazon nach luxemburgischem Recht agiert“, erklärt Phillip Haverkamp vom Handelsverband Berlin-Brandenburg.

Und dann ist da noch der ewige Streit mit Verdi. Seit 2013 moniert die Gewerkschaft, dass Amazon nicht die Tarife des Einzel- und Versandhandels zahlt. Am „Black Friday“, einem Schnäppchen-Tag im November, wurde deshalb in zwei Logistikzentren gestreikt und wieder damit gedroht, auch in der heißen Phase des Weihnachtsgeschäfts die Arbeit niederzulegen. In Brieselang zahlt das börsennotierte Unternehmen den Arbeitern 10,55 bis 12,21 Euro Lohn. Für viele Polen, die in Brandenburg arbeiten, immer noch ein statthafter Lohn. Trotz stupider Fließbandarbeit trifft man auf dem 65 000 Quadratmeter großen Gelände kein schlecht gelauntes Personal. In der Kantine wird gelacht. Es gibt Gratisobst.

Für das Weihnachtsgeschäft wurden mehr 100 Aushilfskräfte rekrutiert, die Busse der Havelländischen Nahverkehrsgesellschaft auf das Zweischichtsystem abgestimmt. Zudem gibt es im Advent Bonuszahlungen für Angestellte, die Überstunden machen und verlässlich da sind. Vor jeder Schicht trifft man sich zum Meeting, bei dem die Mitarbeiter Kritik äußern können. Prozesse optimieren, Fehler minimieren, heißt das Motto.