Es gibt wohl niemanden, der sich gern ins Auge stechen lässt. Und doch müssen viele Menschen eine derartige Injektion bis zu achtmal im Jahr ertragen. Sie tun es, um ihr Sehvermögen regelmäßig wieder auf einen guten Stand zu bringen. So eine Spritze kostet in Deutschland rund 1000 Euro, berichten Marketingchef Dr. Erik Blazek und Finanzleiter Sebastian Laiblin von der Od-Os GmbH in Teltow (Potsdam-Mittelmark). Hinzu kämen jeweils 300 Euro, die von der Krankenkasse als Behandlungskosten an den Augenarzt überwiesen werden.

Das injizierte Medikament ist erst seit gut zwei Jahren auf dem Markt. Es muss in der Regel alle vier bis sechs Wochen gegeben werden. Betroffen sind vor allem Diabetiker. Ihre Krankheit verleiht den Blutgefäßen einen Wachstumsanreiz, der zu Anschwellungen auf der Netzhaut führt. Dabei kann es zu einem Auslaufen von Zellflüssigkeit kommen, verbunden mit einem punktuellen Abheben der Netzhaut und einem Verlust an Sehkraft.

Unbehandelt droht eine dauerhafte Schädigung des Gesamtsehvermögens bis hin zur Erblindung. Die Injektion beseitigt die Schwellungen und stellt die Sehschärfe vollständig wieder her. Ihr Nachteil: Sie wirkt nicht lange und ist sehr teuer. Deshalb setzen die Mediziner zunehmend auf eine Kombination von Injektion und Lasereinsatz.

Bereits seit drei Jahrzehnten werden gefährliche Verdickungen der Netzhaut-Blutgefäße mithilfe von Lasern so verschlossen, dass keine Flüssigkeit austreten und die Netzhaut abheben kann. Vorteil: Der Laser erzielt eine Langzeitwirkung. Nachteil: Er verbessert die Sehschärfe nicht, sondern erhält sie nur auf dem jeweils erreichten Stand.

Würde aber zuerst injiziert und anschließend gelasert, ließen sich die Vorteile beider Methoden miteinander verbinden: verbesserte Sehschärfe und Langzeitwirkung.

Hier setzt nun das patentierte Verfahren aus Teltow an. Es handelt sich um ein optisches Navigations- und Bildgebungsverfahren, mit dem der Augenarzt den Laser so präzise und sicher führen kann wie nie zuvor. Bisher wurden in der Regel erst Fotos von der Netzhaut gemacht, auf denen die Verdickungen als kleine weiße Punkte sichtbar waren. Der Arzt konnte sich diejenigen Verdickungen, die unbedingt beseitigt werden mussten, zwar auf dem Foto markieren. Bei der Laserführung stand ihm aber nur eine Spaltlampe zur Verfügung.

Solche Geräte erhellen lediglich einen winzigen Ausschnitt der Netzhaut - einen Spalt. Sie besitzen zudem eine Optik, die zur Vermeidung von Reflexionen eine Besonderheit aufweist: Das Licht fällt von der einen Seite, der Arzt blickt von der anderen Seite hinein. Dabei entsteht ein auf den Kopf gestelltes und zugleich seitenverkehrtes Bild. All das erschwert eine optimale Führung des Lasers. Es werden im Schnitt nur 70 Prozent der Verdickungen getroffen, was eine mehrmalige Nachbehandlung erforderlich macht.

Bei der Teltower Entwicklung erscheint die Netzhaut real auf dem Monitor, nichts steht Kopf oder seitenverkehrt. Zur Reflexionsvermeidung wird das Bild 25-mal pro Sekunde mit unterschiedlichem Lichteinfall aufgenommen. Die Software setzt daraus die natürliche Abbildung zusammen. Alle Verdickungspunkte erscheinen in ihrer Gesamtheit auf dem Schirm und nicht nur im winzigen Ausschnitt. Das ermöglicht eine exakte Planung des Eingriffs, der Laser kann zudem mikrometergenau am Bildschirm geführt werden. Der Laserstrahl selbst tritt aus der Optik aus und trifft auf das Auge davor.

Blazek und Laiblin versichern, schon bei der ersten Behandlung würden gut 95 Prozent der Verdickungen getroffen. In der Augenklinik der Münchner Maximilians-Universität hat eine einjährige Studie zum diabetischen Makulaödem ergeben, dass bei Einsatz der Teltower Lasertechnik in Kombination mit Injektionen zur Herstellung der bestmöglichen Sehschärfe und ihrer Stabilisierung nur viermal ins Auge gespritzt werden musste, ohne Einsatz des Navilas achtmal.

Problem: Derzeit lebt die Firma vor allem vom Export. In Deutschland erstatten die Krankenkassen für eine Lasertherapie bislang 150 Euro. Damit ist das zirka 200 000 Euro teure Navilas-System nicht refinanzierbar. Konventionelle Systeme kosten knapp die Hälfte.

Andererseits könnten die Krankenkassen enorm sparen, wenn sie weniger Spritzen bezahlen müssten. Deshalb startete die Barmer Krankenkasse im Dezember mit drei Augenkliniken einen Versuch, bei dem sie pro Navilas-Lasereinsatz 525 Euro zahlt. Für die Kasse wird der Laser damit zwar teurer, sie rechnet aber insgesamt mit geringeren Kosten. Und die Patienten? Sie sparen sich viele Stiche ins Auge.

Zum Thema:
Od-Os steht für Oculus Dexter (rechtes Auge) und Oculus Sinister (linkes Auge). Die Firma wurde 2008 gegründet und hat heute 30 Mitarbeiter. Navilas wurde von einem Team um Dr. Winfried Teiwes (Geschäftsführer) und Dr. Ben Liesfeld (Technischer Leiter) entwickelt. Gesellschafter sind neben der Teltower Firma Senso-Motorics Instruments unter anderem die Wagniskapitalgeber MIG Fonds sowie BC Brandenburg Capital. rbt1