Von Jan Siegel

Die Auftragsbücher der Betriebe in den meisten Branchen sind proppenvoll, die Personaldecke extrem angespannt. Das Gespenst des fehlenden Nachwuchses ist für viele Firmen längst viel mehr als eine vage Vision.

Die Handwerker aber zeigten sich beim Neujahrsempfang ihrer Kammer in Cottbus am Montagabend entschlossen, die Herausforderungen anzunehmen. Doch immer noch irrlichtern zu viele unverschuldet wegen zu vieler unbeantworteter Fragen auch nach eigener Einschätzung durch stressige Alltagsgeschäfte.

Das entscheidende Thema, das auch die Handwerker in der Lausitz bewegt, ist der anstehende Wirtschaftswandel in der Braunkohleregion. „Wir laufen Gefahr, in der Lausitz entscheidend an Kaufkraft zu verlieren“, brachte die Vizepräsidentin der Handwerkskammer Cottbus, Corina Reifenstein, die Befürchtungen ihrer Mitgliedschaft beim Neujahrsempfang auf den Punkt. „Wir brauchen vernünftige Perspektiven und die Chance, Geld zu verdienen.“

Die Mittelständler sollen sich fit machen für die Zukunft, aber die Gleichungen, die sie lösen müssen, haben bisher immer noch zu viele Unbekannte. Zuerst muss vor allem die Bundesregierung die entscheidenden Weichen stellen für die Zeit nach dem politisch geforderten Kohleausstieg, der der Region das ohnehin schmale wirtschaftliche Rückgrat zu brechen droht.

Ihre Forderungen hatten die Handwerker aus Südbrandenburg in den vergangenen Monaten immer wieder aufgeschrieben. Sie fordern Sonderwirtschaftszonen, einen massiven Ausbau einer leistungsfähigen Infrastruktur in der ländlich geprägten Region sowie die Ansiedlung starker Industrieunternehmen und Forschungseinrichtungen.

Und nimmt man Hendrik Fischer (SPD), Brandenburgs Wirtschaftsstaatssekretär, beim Wort, dann passt zwischen die Brandenburger Landesregierung und die Handwerkerschaft im Süden des Landes „kein Blatt Papier“ – so groß ist die Einigkeit.

Erst dann, wenn es einen klaren Fahrplan für den Strukturwandel gebe, könne ein Kohleausstieg festgezurrt werden, sagte Fischer in seiner Rede vor den Lausitzer Handwerkern. „Für die Struktur­entwicklung braucht die Lausitz vier Dinge: erstens ausgereifte Investitionsprojekte, zweitens Geld – vor allem vom Bund –, drittens ein operatives Dach, um dieses Geld zu managen, und viertens ausreichend Zeit“, sagte Fischer. Für ihn stehe fest, dass die Lausitz am Ende des Tages als „Gewinnerin“ aus dem Prozess des Strukturwandels hervorgehen müsse.

In ihren Erwartungen sind sich Handwerkerschaft und Landespolitik damit einig. Und zusammen blicken sie jetzt mit Hochspannung nach Berlin, wo zuerst die Kohlekommission und letztlich die Bundesregierung die Weichen für die Lausitzer Wirtschaftszukunft stellen müssen.

Brandenburg hatte gemeinsam mit den Ländern Sachsen und Sachsen-Anhalt den Kohleausstiegszug im November schon einmal gestoppt, als der in Berlin gar zu eilig unterwegs zu sein schien.

Aber auch wenn die Weichen gestellt sind und die Rahmenbedingungen stimmen, liegt vor den Handwerkern in Südbrandenburg noch ein richtig „dickes Brett“, das sie bohren müssen. Sie brauchen dringend eine wirkungsvolle Strategie für mehr Nachwuchs. Schon jetzt ist ziemlich sicher, dass bis zum Jahr 2035 die Zahl der Erwerbspersonen in Südbrandenburg um 180 000 zurückgehen wird. Eine für manche Betriebe tödliche Lücke.

Bildergalerie Hauptgeschäftsführer Knut Deutscher (l.) und die Vizepräsidentin der Handwerkskammer Cottbus Corina Reifenstein (2.v.r.) begrüßten am Montag die Gäste zum Neujahrsempfang der Kammer.