Peter Stackebrandt hat zwar nur einen Sohn und eine Tochter, aber dennoch viele Kinder. Sie stecken in zahlreichen Fotoalben: die Fahrzeuge, Mopedsitze, Möbel und Kuriositäten, die der Bad Muskauer in seiner 52-jährigen Karriere als Autosattler umgestaltet und neu bezogen hat. Zu jedem Objekt kann der Meister etwas erzählen. In welchem Zustand es zu ihm kam, was er daran machte, was knifflig war und wie es am Ende in neuem Glanz erstrahlte. Während er spricht, sieht Stackebrandt die früheren Arbeiten vor sich. Seine Hände malen die Umrisse in die Luft. Die Finger ahmen Arbeitsgriffe nach, vermessen, schneiden zu, nähen zusammen.
Die Fotos zeugen von der Vielseitigkeit des Autosattlerberufes. Neben Cabrioverdecken sowie ledernen Auto- und Motorradsitzen finden sich dort neu bezogene Billardtische und Gartenhäuschen, Seitenplanen von Imbisswagen, ein Indianerzelt, die Plane für einen Pferdewagen und sogar die mit Kunststoff bezogene Pritsche in der Verwahrzelle am Bad Muskauer Grenzübergang. „Die ist nach Bundesstandard gefertigt“ , sagt der 66-Jährige und schmunzelt dabei über seinen wohl ungewöhnlichsten Auftrag.
Zu schwierig ist dem Meister nichts. Er tüftelt gern, sucht nach den passenden Materialien und nach Wegen, wie er diese auf seinem großen Zuschneidetisch verarbeitet. Dabei geht er mit viel Kreativität an seine Aufträge heran. Wie etwa, als er zu DDR-Zeiten fabrikneuen Trabis Himmel verpasste und diese mit bunten Kunstlederstreifen über Fahrer- und Beifahrersitz aufpeppte. Die sahen nicht nur flippig aus, sondern dienten als „abwaschbare Schmutzabweiser in Kognakfarbe und hellblau“ , erinnert sich Stackebrandt mit einem verträumten Gesichtsausdruck. Zu tun gab es damals immer etwas für den Autosattler. Denn „zu DDR-Zeiten wurden die Autos lange gefahren und mussten oft aufgemöbelt werden“ , erzählt Stackebrandt.

Däumchen drehen bei Auftragsmangel
Das sieht heute anders aus. So kommt es vor, dass der Meister wegen Auftragsmangels die Hände in den Schoß legen und, wie er sagt, „Däumchen drehen muss“ . Trabis rollen heute nur noch selten in seine Werkstatt. Die ähnelt einem kleinen Museum. An den Wänden hängen Fotos von Peter Stackebrandts Arbeiten. Daneben sein Meisterbrief und der seines Vaters. Der sei Wagensattler gewesen, erzählt der Bad Muskauer. Kennen gelernt hat er ihn nie. „Er ist im Krieg gefallen. Auf Anraten meiner Mutter bin ich in Vaters Fußstapfen getreten und habe später seine Werkzeuge übernommen“ , so der 66-Jährige. In der Werkstatt hängt auch eine Wandzeitung mit Informationen über den Autosattlerberuf sowie ein Autogramm der Radlegende Täve Schur. „Ich habe ihm, als ich noch in Magdeburg lebte, einen Motorradsattel aufgemöbelt“ , erzählt Stackebrandt mit Stolz in der Stimme.

Goldenes Meisterjubiläum angepeilt
Von Magdeburg nach Bad Muskau ist der Meister mit seiner Familie 1985 gezogen. Damals war das eine gute Entscheidung. Stackebrandt bekam ein Grundstück zugewiesen, worauf er Haus und Werkstatt baute. Seine Frau Hannelore half kräftig im Geschäft mit. „Das geht heute finanziell nicht mehr“ , sagt der Meister. Auch der 33-jährige Sohn, der ebenfalls Autosattler gelernt hat, hat sich längst beruflich umorientiert.
Heute würde Stackebrandt sein Haus gern „auf den Rücken nehmen“ und umziehen - nach Stuttgart. „Dort gibt es viele Oldtimer, deren Besitzer Geld haben“ , sagt er. Doch Peter Stackebrandt wird in Bad Muskau bleiben und trotz Rentenalters weiterarbeiten - aus zwei Gründe: „Der geringen Rente und des goldenen Meisterjubiläums wegen“ , erklärt der Autosattler. Denn das möchte er in fünf Jahren als aktiver Handwerker feiern.

Vorschau RUNDSCHAU-Serie
 Wie Lausitzer Handwerker sich in den selteneren Zünften behaupten, welche Sorgen und Freuden sie haben und wie sich ihr Beruf verändert hat, darüber berichtet die RUNDSCHAU in loser Folge. Im vierten Teil stellen wir einen Schuhmacher vor.