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| 11:52 Uhr

HOYERSWERDA
Nach der Drecksarbeit mit Schmutz beworfen

Der Vortrag bot reichlich Zündstoff, aber an dem Gespräch im Schloss Hoyerswerda nahmen nur rund 25 Gäste teil.
Der Vortrag bot reichlich Zündstoff, aber an dem Gespräch im Schloss Hoyerswerda nahmen nur rund 25 Gäste teil. FOTO: Peter Bandermann
HOYERSWERDA. . Ein Forscher aus Aschersleben veröffentlicht ein Buch über die Folgen der Treuhandarbeit. Sachsen zum Beispiel ist älter als andere Bundesländer: Die Ministerin für Gleichstellung und Integration des Freistaates, Petra Köpping, warnt vor Altersarmut als Folge der Wiedervereinigung. Von Peter Bandermann

Hat die westdeutsche Politik den Osten Deutschlands in der ersten Zeit nach der Wende für Jahrzehnte langen Sozialismus abgestraft und die Treuhand dabei die Drecksarbeit erledigen lassen? Sind die Folgen der Treuhandpolitik die Ursache für Resignation, Frust und Wut auf den Straßen im Osten?

Zehn Jahre Forschung

Der aus Aschersleben stammende Historiker Dr. Marcus Böick beschäftigt sich seit fast zehn Jahren mit der Treuhand und den Folgen ihrer 1994 abgeschlossenen Arbeit. Anfang Juli erscheint sein Buch „Die Treuhand von 1990 bis 1994“. In Hoyerswerda diskutierte der inzwischen an der Ruhr-Universität in Bochum forschende Historiker am Dienstag mit Staatsministerin Petra Köpping und stellte vor 25 Gästen wichtige Aussagen seiner Forschungsergebnisse vor.

Staatsministerin Petra Köpping: „Mit der Abwicklung durch die Treuhand wurden die Menschen nicht nur in die Arbeitslosigkeit geschickt. Da wurden Leben entwertet und das gesamte soziale Umfeld zerstört.“
Staatsministerin Petra Köpping: „Mit der Abwicklung durch die Treuhand wurden die Menschen nicht nur in die Arbeitslosigkeit geschickt. Da wurden Leben entwertet und das gesamte soziale Umfeld zerstört.“ FOTO: Peter Bandermann

Ex-Kanzler Helmut Kohl habe den Ostdeutschen quasi über Nacht „ein zweites deutsches Wirtschaftswunder“ versprochen. Doch in der Realität seien die früheren DDR-Unternehmen und mit ihnen die Beschäftigen „ins kalte Wasser geworfen“ worden. Dr. Marcus Böick sprach von einem „harten Übergang“ zwischen Planwirtschaft und Kapitalismus.

Lothar Vonderlind, der ehemalige Papiermacher, sagt der Treuhand nichts Schlechtes nach.
Lothar Vonderlind, der ehemalige Papiermacher, sagt der Treuhand nichts Schlechtes nach. FOTO: Peter Bandermann

Topmanager aus dem Westen

Organisiert von erfahrenen und gut vernetzten Topmanagern aus dem Westen, denen schnell an westdeutschen Universitäten ausgebildete junge Betriebswirte folgten. Unter ihnen in den Organisations-Niederungen der Treuhand: Frühere DDR-Kader. „Man hat sich bei diesem Übergang für die Schocktherapie entschieden“, blickte Dr. Marcus Böick im Schloss Hoyerswerda auf die Anfänge zurück. Ludwig Erhard, von 1963 bis 1966 Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, habe in seiner Amtszeit die Vorzeichen gesetzt:

Ein über zehn Jahre nach der Teilung entwickeltes Wiedervereinigungs-Szenario zielte in den 1960er-Jahren darauf ab, dass der Markt und die Manager die Wirtschaft regeln sollten und die Politik dabei in zweiter Reihe stehe. Mit der Folge, dass für die in der Gesellschaft angerichteten Kollateralschäden nach der Wende nicht Politiker ihre Köpfe hinhalten mussten, sondern eine schnell wieder aufgelöste Behörde nach der Drecksarbeit mit Schmutz beworfen wurde. Die Treuhand.

Rohwedder als „harter Sanierer“

Headhunter rekrutierten 1990 das Führungspersonal, denn die Manager standen nicht in der Schlange. Mit Detlev Rohwedder sei schließlich ein „harter Sanierer“ an die Spitze der Treuhand gesetzt worden, einer, der schon beim Stahlunternehmen Hoesch in Dortmund aufgeräumt hatte, berichtete der Autor und Forscher.

Westdeutsche Nachwuchsmanager, keine 30 Jahre jung, erhielten in der Treuhand nach 1990 schnell „Entscheidungsgewalt über ganze Betriebszweige.“ Auch deren Arroganz habe später für den schlechten Ruf der Treuhand gesorgt, meinte Böick.

FOTO: BDZV

Nach der Ermordung Rohwedders 1991 in Düsseldorf habe die neue Treuhand-Chefin, die CDU-Politikerin Birgit Breuel,  eine „radikale Privatisierungsstrategie“ umgesetzt. Erst nach langem Schweigen sei in den früheren DDR-Betrieben politischer Protest entstanden. Die PDS und Gewerkschaften setzten sich an ihre Spitze. Gregor Gysi war eine ihrer Stimmen. Zwar konnten Belegschaften und Betriebsräte die Bonner Politik hier und da beeinflussen, doch die Abwicklung der DDR-Wirtschaft á la Erhart innerhalb kürzester Zeit sei beschlossene Sache gewesen.

1994 verschwand Treuhand

1994 schraubte Birgit Breuel das Treuhand-Namensschild ab. Die Treuhand wurde in die „Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben“ umgewandelt, ein unverfänglicher Name. Schon Ende 1992 waren 90 Prozent aller Ost-Betriebe privatisiert oder aufgelöst. Das größte Stück vom Kuchen, über zwei Drittel, erhielten westdeutsche Investoren. Alles in einem Tempo, bei dem „Politik, Medien und Gesellschaft den Überblick verloren haben. Eine extrem Entwicklung“, stellte Dr. Marcus Böick fest. Diese Zeit müsse nun aufgearbeitet werden.

„Großer Gesprächsbedarf“

Die Leiterin der Abteilung „Dialog Ostdeutschland“ bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin, Dr. Manuela Erhart, und Matthias Eisel (Landesbüro Sachsen) begründeten die Notwendigkeit so: Laut Matthias Eisel bestehe großer Gesprächsbedarf bei den Menschen, die bei der Treuhandpolitik „auf der Strecke geblieben sind“. Es habe „große Verwerfungen“ gegeben. Dr. Manuela Erhart: „Wir müssen herausfinden, warum der Osten anders tickt als der Westen, wie es zu den AfD-Erfolgen und der hohen Zahl der Politik- und Demokratie-Verdrossenen kommt.“

Erste mögliche Ursachen lieferte in Hoyerswerda die sächsische Staatsministerin Petra Köpping. Viele Menschen hätten mit der Abwicklung durch die Treuhand nicht nur ihre Arbeitsplätze verloren. „Da sind ganze Leben entwertet worden“, meinte sie mit Blick auf den Verlust auch von Kinderkrippen in den Betrieben.

Über Thema Flucht zur Treuhand

Als Ministerin für Gleichstellung und Integration war Petra Köpping auf Umwegen an das Treuhand-Thema geraten – über das Thema Flucht.  Wütende Bürger hatten ihr ab 2015 auf der Straße gesagt: „Integrieren sie doch erstmal uns!“ – Sprachen da 15 Jahre später die Verlierer der Wende zu der Ministerin, und der Ärger über die Flüchtlinge sprengte nur das Ventil, das die Wut über die jahre zurückhielt? Waren die Wutbürger von heute die Werktätigen von damals, die dem Fluss des Geldes in Richtung Westen untätig zusehen mussten und leer ausgegangen sind? Gab es keine Alternativen zur Treuhandpolitik? Fragen, die dazu führten, dass die Ministerin die Zeit nach der Wende jetzt aufarbeiten und nicht in 50 Jahren den Historikern überlassen will.

Alternativen hätte es gegeben. Theoretisch. Wenn die neuen Bundesländer über ausreichend Kapital verfügt hätten. Wenn aus der DDR ein neuer Staat hervorgegangen wäre. Oder wenn die wirtschaftliche Wiedervereinigung mehr Zeit bekommen hätte. Viel „Wenn“, aber keine Fakten.

Ost-Investoren wollten einsteigen

Tatsächlich wollten gebürtige Ost-Investoren mit hohen marktgerechten Angeboten wirtschaftlich gesunde Betriebe kaufen, besaßen bei den Banken aber keine Kreditwürdigkeit. Westdeutsche Unternehmer hätten solche profitable Firmen dann später für nur eine Mark kaufen können, berichtete Dr. Marcus Böick über die Funktionsweise der Treuhand, bei der nicht immer alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Er sprach auch von „kriminellen Machenschaften“. Der Fördermittel-Missbrauch ist erwiesen. Am Ende erzeugte die Treuhand ein Defizit von 270 Milliarden Mark.

Der Verfall des eigenen Volksvermögens war eine Zäsur für die Menschen. Aufgebrachte Bürger bewarfen Helmut Kohl, den „Kanzler der Einheit“, den Mann, der die „blühenden Landschaften“ und das „zweite Wirtschaftswunder“ versprochen hatte, 1991 in Halle mit Eiern. Lothar Vonderlinde aus Glashütte mag jedoch nicht viel Schlechtes über die Zeit damals sagen. 100 Kilometer hatte er am Dienstag für den Vortrag in Hoyerswerda zurückgelegt. Ja, die Treuhand hätte beim Bewerten der Betriebe besser differenzieren müssen, sagte der 77-jährige frühere Angestellte der Dresdener Papier AG, aber ein Verlierer sei er nicht: „Weil wir unsere Fähigkeiten in ein System einbringen konnten, das demokratisch ist und freiheitlich ist.“

Die Mehrheit unter den heutigen Rentnern in der Region repräsentiert der 77-jährige Lothar Vonderlind offenbar nicht. Laut Petra Köpping habe Sachsen das höchste Durchschnittsalter in der Bundesrepublik. Das Land müsse sich wegen der hohen Arbeitslosigkeit nach der Wende auf eine ausgedehnte Altersarmut einstellen und zugleich die Signale einer jüngeren Generation verstehen. Viele junge Ostdeutsche würden die Treuhand nicht einmal kennen und sich am Ost-West-Konflikt unter Ossis und Wessis nicht beteiligen. Doch es seien auch nachdenklich stimmende Stimmen zu hören. Die Ministerin: „Es gibt junge Menschen aus dem Osten, die fühlen sich wie Menschen zweiter Klasse. Das ist ein Alarmsignal.“