Herr Ragnitz, in der Lausitz liegt die Arbeitslosenquote bei zwölf bis 13 Prozent. In Spanien bei 25 Prozent. Bringt es da etwas, Arbeitslose ins Ausland zu schicken?
Austauschprogramme führen zum Erwerb von Erfahrungen. Früher gingen die Meistergesellen auf Wanderschaft, um den Horizont zu erweitern.

Sie gehen davon aus, dass es in der Lausitz rein rechnerisch im Jahr 2020 Vollbeschäftigung geben, die Nachfrage nach Arbeit größer als das Arbeitskräfteangebot sein wird. Das stellt den Arbeitsmarkt vor neue Herausforderungen. Was kann man tun?
Es gibt ein ganzes Bündel von Maßnahmen, um dem künftigen Mangel an Arbeitskräften gerecht zu werden. Dazu gehören beispielsweise Weiterbildung, stärkere Wertschätzung für ältere Arbeitnehmer, Personalentwicklungspläne. Ein zweites Bündel wird auf politischer Ebene geschnürt. Es müssen beispielsweise Anreize geschaffen werden, dass Frauen besser integriert, ältere Arbeitnehmer länger arbeiten können.

Sie gehen auch davon aus, dass Arbeitsmigranten künftig eine größere Rolle spielen werden?
Man muss schauen, dass Regionen wie die Lausitz für Zuwanderer attraktiv werden. Denn kommende Probleme werden wir nicht mit dem vorhandenen Potenzial lösen können.

Das betrifft das Thema Willkommenskultur. Warum sollte eine Fachkraft nach Senftenberg und nicht nach Stuttgart gehen?
Es gibt keinen Anreiz, in strukturschwächere Regionen zu gehen. Das muss man so deutlich sagen. Arbeitnehmer gehen dort hin, wo die Löhne gut sind. Willkommenskultur bedeutet auch, dass in allen Schichten der Bevölkerung das Bewusstsein dafür geweckt werden muss, dass Migranten eine Bereicherung darstellen und nicht zu einer Überfremdung führen oder Arbeitsplätze wegnehmen.

Um es zusammenzufassen: Die Lausitz hat ein schlechtes Lohnniveau, ist wenig attraktiv und wird von der demografischen Keule mit voller Wucht getroffen. Was kann also getan werden?
Hier hat man sehr lange auf Braunkohle gesetzt. Ich bin skeptisch, ob Braunkohle in der Zukunft auch noch die Rolle spielen wird. Das heißt, man muss die Wirtschaft auf zusätzliche Beine stellen. Das kann von Tourismus im Süden bis zu anderen Arten von Bergbau (Kupfer, d. Red.) reichen. Aus demografischer Sicht wird es in der Lausitz in einzelnen Gebieten auch einfach wieder zu einer Renaturierung kommen. Das will zwar immer niemand hören. Aber auf längere Sicht wird es nicht vermeidbar sein, die heutige Siedlungsstruktur zu überdenken.

Mit Joachim Ragnitz

sprach Alexander Dinger

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Bisher haben 137 Teilnehmer aus Südbrandenburg einen Auslandsaufenthalt über das IdA-Projekt durchgeführt. Seit Mai 2009 arbeiten unter diesem Dach 69 Projektverbünde mit einem Gesamtfinanzvolumen von rund 74 Millionen Euro aus dem Europäischen Sozialfonds und 17 Millionen Euro aus Mitteln des Bundesarbeitsministeriums.