ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 07:33 Uhr

Wolfsburg
Martin Winterkorn droht die Pleite

Wolfsburg. Für den früheren VW-Chef kommt es nach der US-Anklage knüppeldick: Die Staatsanwaltschaft in Braunschweig ermittelt weiter, der Konzern prüft teure Schadenersatzklagen. Bei anderen Konzernen gab es dazu Kompromisse Reinhard Kowalewsky

Für den früheren VW-Chef kommt es nach der US-Anklage knüppeldick: Die Staatsanwaltschaft in Braunschweig ermittelt weiter, der Konzern prüft teure Schadenersatzklagen. Bei anderen Konzernen gab es dazu Kompromisse.

Nachdem die US-Justiz am Freitag Anklage gegen Ex-VW- Chef Martin Winterkorn erhob und auch einen Haftbefehl gegen ihn ausstellte, nimmt auch in Deutschland der Druck gegen ihn massiv zu. So erwarten VW-Kenner, dass der Konzern eine Schadensersatzklage gegen Winterkorn wegen der Milliardenschäden durch die Abgasaffäre alleine aus juristischen Gründen schwer vermeiden kann. "Das Unternehmen ist verpflichtet, Schadenersatzansprüche wegen möglichen Fehlverhaltens zu prüfen und dann auch einzufordern", sagt dazu der Düsseldorfer Anwalt Julius Reiter, "entweder Winterkorn wusste von den Manipulationen - dann ist sowieso alles klar. Oder er wusste nicht davon. Dann könnte man ihn aber wenigstens wegen mangelnder interner Aufsicht zur Rechenschaft ziehen."

Dabei wäre ein Schadensersatzanspruch in Höhe von bis zu einer Milliarde Euro möglich, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS). Das erscheint nicht unplausibel, weil die Abgasaffäre VW weit mehr als 20 Milliarden Euro kostete und weil Winterkorn als langjähriger Vorstandschef alles andere als eine Nebenfigur ist.

Außerdem wäre bei Winterkorn auch einiges zu holen: Mehr als 100 Millionen Euro verdiente er im Laufe seiner jahrzehntelangen Karriere im VW-Reich. Allein seine Pensionsansprüche belaufen sich auf knapp 30 Millionen Euro, geht aus dem Geschäftsbericht hervor. "Dieses Geld wäre im Extremfall komplett weg", zitiert die FAS den Berliner Rechtsprofessor Gregor Bachmann.

Der VW-Aufsichtsrat ließ dazu am Wochenende erklären, er prüfe weiterhin, ob wegen der Dieselaffäre von einzelnen Managern Schadenersatz eingefordert werden könne - es gäbe aber noch keine Entscheidung und keine "Vorfestlegung".

Ob Winterkorn im Fall des Falles wirklich die persönliche Pleite bevorsteht, ist abzuwarten. So könnte ihm nützen, dass er einen großen Teil seines Immobilienvermögens in zwei gemeinsame Firmen mit seiner Ehefrau steckte. Wenn er also an VW Geld zahlen muss, müsste er vielleicht seinen Anteil an der Firma abgeben - doch seine allein haftende Ehefrau könnte nicht zur Liquidation des Unternehmens gezwungen werden. Das mögliche Ergebnis: Winterkorn wäre zwar mittellos, Familie Winterkorn hätte weiter ihre schönen Villen.

Außerdem zeigt die Erfahrung, dass deutsche Konzerne bei Schadensatzverfahren gegenüber früheren Vorstandschefs Kompromisse anpeilen: Siemens einigte sich mit Ex-Vorstandschef Heinrich von Pierer darauf, dass dieser fünf Millionen Euro an Kompensation für die Schmiergeldaffäre zahlte - dabei hatte der Konzern 2,5 Milliarden Euro für Strafzahlungen, Steuernachzahlungen und Anwälte ausgeben müssen. Die Telekom brachte ihren Ex-Chef Kai-Uwe Ricke dazu, 600.000 Euro wegen der "Spitzelaffäre" zu zahlen - der Schaden war deutlich höher gewesen, gefordert hatte man eine Million Euro.

Dabei droht Winterkorn auch eine Anklage in Deutschland: Die Ermittlungen der Braunschweiger Staatsanwaltschaft gegen ihn und andere Beschuldigte im Abgas-Skandal könnten sich bald dem Ende zuneigen. Das erklärt Behördensprecher Klaus Ziehe, ein Oberstaatsanwalt. Er sagt: "Wenn man sich die Ermittlungen, die im Dieselverfahren Vorgänge bei VW aus etwa zwölf Jahren aufklären sollen, als Marathonlauf vorstellt, beginnt quasi die Runde im Stadion mit Sicht auf die Ziellinie." Den Verteidigern der Beschuldigten solle "im Sommer" Akteneinsicht gewährt werden. Danach kann dann die Anklage folgen.