Von Sybille von Danckelman

„Ich verstehe nicht, warum die Politik das nicht wusste.“ Sigmar Kupsch hat gleich, nachdem er den RUNDSCHAU-Beitrag „Handwerk will keine Ausnahmen mehr von der Meisterpflicht“ gelesen hatte, eine E-Mail geschickt. Kupsch, inzwischen 67 und in Rente, schreibt: „Die Rückkehr der Meisterpflicht ist für mich und andere Fliesenlegermeister ein Hohn, die Handwerkskammer Cottbus hatte damals eine Umfrage bei den Firmen gemacht, ob der Meisterzwang abgeschafft werden sollte. Ich glaube kaum, dass ein Fliesenlegermeister da zugestimmt hat.“

Er habe mit 44 Jahren noch einmal die Schulbank in Großrä­schen drücken müssen und den Meister gemacht. Kurz danach sei die Ausnahme in Kraft getreten. In Verbindung mit der Gründungsförderung für Arbeitslose hat das zu einem Boom von Kleinstgründungen geführt, besonders bei Fliesenlegern, Hausmeisterservices und Trockenbauern. Ehemalige Angestellte seien dann als Solo-Selbstständige zu kostengünstigen Konkurrenten geworden, die viele private Kunden abgezogen hätten.

Für Kupsch war abzusehen, dass Solo-Selbstständige auch gut mal an der Steuer vorbei arbeiten können. Die hätten ja keine Angestellten, denen Schwarz-Baustellen auffallen würden. „Die machen einfach ihr Ding.“ Und dass viele von den Kleinstunternehmern keine Krankenversicherung und Altersvorsorge hätten, sei auch klar. Das falle nachher wieder der Allgemeinheit zur Last. Das hätte die Politik wissen müssen, sagt Sigmar Kupsch.

Handwerkskammern betonen, dass sie das wussten. Man sei damals Sturm gelaufen gegen die 2004 von der rot-grünen Bundesregierung „willkürliche“ Abkehr von der Meisterpflicht. Der Bund wollte die Arbeitslosigkeit reduzieren und „sah im Kleinstunternehmertum die große Zukunft“, sagt etwa Andreas ­Brzezinski, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden. Die Realität sieht anders aus: Man habe damit gewachsene betriebliche Infrastruktur künstlich verkleinert und massive Ausbildungs- und Qualitätsverluste in diesen Gewerken befördert, so Brzezinski.

Und auch Unzufriedenheit und Vertrauensverlust bei Verbrauchern in Kauf genommen. „Gefühlt“ habe es vermehrt Anrufe gegeben, sagt Antje Feldmann, Leiterin der Rechtsabteilung bei der Handwerkskammer Cottbus. Mit Beschwerden über Handwerker können sich Verbraucher an die Schlichtungsstellen der Kammern wenden. Diese versuchen in Streitfragen, einen Kompromiss zwischen Auftraggeber und Mitgliedsbetrieb zu vermitteln. Streit bei Pfusch oder Rechnungsärger könne man aber nicht konkret in Zahlen festmachen. Man führe keine solchen Statistiken, auch nicht separat nach Gewerken. Zudem ende nicht jeder Anruf in einem Schlichtungsverfahren, zumal man auch in Vorkasse gehen müsste. Manchmal wollten Verbraucher nur mal Dampf ablassen oder sich vergewissern, ob der Anbieter ein Meisterbetrieb sei.

Hauptgeschäftsführer Brzezinski berichtet, dass die Anzahl der Kleinstbetriebe wieder rückläufig ist. Für viele Personen sei die Selbstständigkeit nicht erfolgreich gelaufen.

„Wir hatten Fälle, da fragten Handwerker am Telefon, was sie auf eine Rechnung schreiben müssen oder wie sie ihren Arbeitslohn berechnen sollen.“ Er hoffe sehr, so Andreas Brzezinski, dass noch im ersten Halbjahr ein Entwurf für die Rückkehr zur Meisterpflicht vorliegt. Allerdings weiß er auch, dass die Jahre ohne Meisterpflicht Lücken hinterlassen.

Einerseits machten zumeist die Stärksten eines Jahrgangs den Meister, andererseits habe die Ausbildungsbereitschaft auch deutlich abgenommen. „Da fehlen mittelfristig nun ganze Jahrgänge.“