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Lubminer sollen russische U-Boot-Reaktoren zerlegen

Lubmin/Murmansk.. Deutsche Experten sollen die überalterten Atom-U-Boote der russischen Nordmeerflotte zerlegen. Derzeit werde ein Vertrag für die Entsorgung der Reaktoren von mindestens 120 schweren U-Booten bis zum Jahre 2009 durch Fachleute des stillgelegten Kernkraftwerkes Lubmin bei Greifswald ausgehandelt. Das erklärte gestern der Chef der Energiewerke Nord GmbH (EWN), Dieter Rittscher.


Die Abrüstungshilfe gehe auf eine Vereinbarung der führenden Industriestaaten (G-8-Staaten) im vergangenen Sommer in Kanada zurück. Bei der Entsorgung der Bootsreaktoren sollen die Erfahrungen der vorpommerschen Spezialisten bei dem bereits laufenden Rückbau der ostdeutschen Atommeiler russischer Bauart in Lubmin und Rheinsberg genutzt werden.
In der Sayda-Bucht vor Murmansk lägen derzeit rund 60 ausgemusterte und teilweise bereits in Sektionen zerlegte russische Atom-U-Boote, sagte Rittscher, der kürzlich zu Gesprächen in Murmansk weilte. Jedes der U-Boote verfüge über zwei Druckwasserreaktoren mit einer Leistung von bis zu 150 Megawatt. Insgesamt verfüge die Nordmeerflotte über mehr als 170 atomar angetriebene U-Boote.

Sehr weit fortgeschritten
Zu den von Deutschland zu entsorgenden Nuklearanlagen gehören auch die Atomantriebe großer russischer Unterwasserkreuzer, darunter die Reaktoren der im August 2000 gesunkenen "Kursk". Die Verhandlungen mit den russischen Militärs seien bereits "sehr weit fortgeschritten", sagte Rittscher. Er rechne mit einer Vertragsunterzeichnung bis spätestens Frühsommer dieses Jahres.
Der erste U-Boot-Reaktor solle 2005 zerlegt werden. Bis zu diesem Zeitpunkt werde in Murmansk eine Dock- und Kran-Anlage gebaut, mit der die bis zu 2500 Tonnen schweren Antriebssektionen gehoben werden können. In einem ebenfalls zu errichtenden Spezialwerk sollen dann die hochverstrahlten Schiffsreaktoren von Robotern zerlegt und anschließend entsorgt werden.
Die Kosten für die atomare Entsorgung der überalterten U-Boot-Flotte werden von Russland auf mindestens 300 Millionen Euro geschätzt. Nach Rittschers Angaben hat sich die EWN inzwischen zu einem der weltweit führenden Know-how-Träger für die Zerlegung hochverstrahlter Atomanlagen entwickelt. Nach Aufträgen in osteuropäischen Ländern sollen Spezialisten aus Lubmin in den nächsten Jahren auch die Federführung beim Bau von Konditionierungsanlagen im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl übernehmen.
Darüber hinaus prüfe die Bundesregierung die Übernahme des 1988 stillgelegten Forschungsreaktors Jülich in Nordrhein-Westfalen durch die EWN. Der 15-Megawatt-Hochtemperaturreaktor soll in den nächsten Jahren bis zur "grünen Wiese" zurückgebaut werden.
Aus den stillgelegten ostdeutschen Kernkraftwerken Lubmin und Rheins-berg sind bislang rund 70 000 Tonnen Ausrüstungen demontiert worden. Davon wurden etwa 15 065 Tonnen strahlender Müll in das atomare Zwischenlager Nord (ZLN) eingelagert. Weniger radioaktive Abfälle aus Betrieb und Demontage wurden auch in das Endlager Morsleben gebracht. Ein Großteil der Reststoffe wurde nach entsprechender Behandlung und Freimessung an den Schrotthandel verkauft.

In Castorbehältern eingelagert
Von den 5048 abgebrannten Brennelementen sind mehr als 2000 in 26 Castorbehältern verpackt im ZLN eingelagert worden. Der Rest befindet sich noch in einem atomaren Nasslager am Standort Lubmin, das bis zum Jahr 2005 schrittweise geräumt werden soll.
Die Zerlegung der aktivierten Reaktoren eins bis vier in handhabbare 500-Kilogramm-Blöcke beginnt voraussichtlich im Dezember dieses Jahres. Die dickwandigen Segmente sowie die zerteilten Reaktoreinbauten werden in Beton- und Stahlbehälter überführt und danach im Zwischenlager deponiert.
Sicher verwahrt im ZLN sind inzwischen auch 24 der insgesamt 30 riesigen Dampferzeuger. Schätzungen zufolge müssen bei dem bis 2009 laufenden Rückbau etwa 85 000 Tonnen Ausrüstung demontiert werden. Erst danach können die auf etwa 1,8 Millionen Tonnen veranschlagten Gebäude abgerissen werden. Der Abbruch der nicht kontaminierten Gebäude ist bislang noch nicht finanziell gesichert.
Insgesamt kostet der Rückbau der ostdeutschen Kernkraftwerke Lubmin und Rheinsberg 1,2 Milliarden Euro. Hinzu kommen rund 1,5 Milliarden Euro, die von 1990 bis 1995 in den Nachbetrieb der Meiler investiert wurden. In beiden Kernkraftwerken sind gegenwärtig 1438 Mitarbeiter beschäftigt. Voraussichtlich ab 2005 soll die Belegschaft dann Schritt für Schritt abgebaut werden. (ddp.vwd/rb)